Wolfsnachweise - echte und falsche

Gerüchte oder Nachweise? Wie kann man die Spreu vom Weizen trennen?

C1-Nachweis - Der Westerwaldwolf als er noch lebte. Foro: Uli Stadler.

Heppenheim, 1.10.2013: Seit 15 Jahren leben wieder Wölfe in freier Natur in Deutschland. Sie breiten sich vor allem von Ost-Deutschland nach Westen aus und besiedeln wieder Regionen, in denen sie 150 Jahre lang nicht vorkamen. Und so gibt es auch immer wieder Zeitungsmeldungen, in denen in großen Lettern geschrieben steht „Der Wolf ist wieder da!“, so wie derzeit im Siegerland (Link). Aber die zuständigen Behörden schweigen. Auf Anfrage erfährt man dann vielleicht: „Ja, es gibt Sichtungen, aber es gibt noch keinen wirklichen Nachweis“. Was aber ist ein richtiger Nachweis?

Was sind eigentlich „richtige“ Nachweise?

Traurig aber wahr: Ein toter Wolf ist ein C1-Nachweis. Der tote Wolf von Luttelgeest. (C) Van der Linde

Wissenschaftler und zuständige Behörden unterscheiden Hinweise auf Wölfe in unterschiedliche Qualitäten. Prinzipiell sprechen sie von Nachweisen, Hinweisen und Falschmeldungen. Drei Kategorien werden vergeben: C1, C2 und C3. Als Nachweis (C1) für einen Wolf gelten ausschließlich harte Fakten, also ein lebend gefangenes Tier, ein Totfund, ein genetischer Nachweis, ein Foto oder die Ortung eines Wolfes, der mit einem Senderhalsband ausgestattet ist. Hinweise werden noch einmal in bestätigte Hinweise (C2) und unbestätigte Hinweise (C3) unterteilt. „Bestätigt“ (also C2) sind Hinweise dann, wenn eine erfahrene Person den Hinweis überprüft und bestätigt hat. Erfahrene Personen sind in der Regel Wildbiologen, die dafür speziell ausgebildet und beauftragt worden sind. Unbestätigte Hinweise können auch noch einmal in „wahrscheinlich“ und „unwahrscheinlich“ klassifiziert werden.

Und was ist jetzt mit dem Wolf im Siegerland?

Fährte im Herzugtum Lauenburg (SH) - fachmännisch dokumentiert als C2-Nachweis eingestuft. Foto: Jens Matzen

Legt man nun die genannten Kriterien an die Zeitungsmeldung über den Wolf im Siegerland an, dann bleibt davon leider nicht viel übrig. Es geht aus dem Artikel nicht hervor, ob es sich bei einer der genannten Personen um eine „erfahrene Person“ handelt. Und der Leser erfährt auch nicht, ob der Jäger die angebliche Wolfsfährte im Schnee so dokumentiert hat, dass eine „erfahrene Person“ sie zu einem C2-Nachweis hätte adeln können. Denn das ist durchaus möglich! Genau so konnte unser Wolfsbetreuer Jens Matzen beispielsweise Anfang des Jahres einen C2-Nachweis erbringen (Meldung vom 30.1.).
Sichtungen ohne Foto sind immer nur unbestätigte Hinweise (C3), selbst wenn eine erfahrene Person das Tier gesehen hat! Also, wenn jemand sagt, „Ich habe einen Wolf gesehen“, dann ist niemals eine sichere Sache, selbst wenn es wirklich ein Wolf gewesen sein sollte! Es bleibt so lange ein Gerücht, bis die harten Fakten da sind.

Und wann kann man sagen: Ja, da hat sich jetzt wirklich ein Wolf angesiedelt?

Quelle: Kontaktbüro Wolfsregion Lausitz, mit eigenen Ergänzungen (SKn)

Die Besiedlung einer Region durch Wölfe geht über drei Stadien:

Stufe 1: zu- und durchwandernde Einzeltiere:
Das ist beispielsweise in Hessen oder Schleswig-Holstein (SH) der Fall. Gerade in SH gibt es seit einiger Zeit viele Nachweise, aber ein standorttreues Tier konnte man noch nicht ausmachen. Erst wenn es über mindestens sechs Monate hinweg regelmäßig Nachweise gibt, gehen die Wissenschaftler von einem ortstreuen Tier aus.

Stufe 2: wenige, standorttreue Tiere:
In diesem Stadium der Wolfsbesiedlung befindet sich Mecklenburg-Vorpommern. Hier gibt es ein Wolfspaar in der Lübtheener Heide und zwei territoriale Einzelwölfe in der Uckermünder Heide und der Kyritz-Ruppiner Heide. Bislang konnte allerdings noch kein Nachwuchs dokumentiert werden.

Stufe 3: reproduzierende Population:
Das bedeutet das es hier Wölfe gibt, die Jahr für Jahr Nachwuchs bekommen. In Deutschland ist das in Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen der Fall. Nachbarländer, aus denen Wölfe aus Rudeln zuwandern könnten sind Polen, Frankreich und die Schweiz. Österreich kommt als Transitland in Frage, bislang konnte dort aber noch keine Reproduktion bestätigt werden.

Der Wolf ist also noch nicht in Hessen angekommen – aber er wird kommen!

Derzeit (2013) kein Wolf in Hessen. (C) SKn

Legt man also diese Kriterien und Besiedlungsstufen zugrunde, dann ist der Wolf derzeit (Oktober 2013) weder in Hessen, noch in Nordrhein-Westfahlen (NRW) nachgewiesen. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis er wieder kommt. Denn zumindest Hessen war bereits Wolfsland – von 2008 bis 2011: Im Reinhardswald lebte damals ein Wolf aus der osteuropäischen Verwandtschaftslinie.  2011 wurde zudem ein Rüde aus der italienischen Alpenpopulation in der Nähe von Gießen bei einem Verkehrsunfall verletzt. Dieses Tier ist ein Jahr später im Westerwald illegal erschossen worden.
Die Wolfsverbreitungskarte von Hessen und NRW ist also derzeit weiß. Die Beutegreifer werden aber ihren Weg dorthin finden und die Behörden sollten sich und die Bürger darauf vorbereiten. Denn: Die Wölfe suchen sich ihr Territorium nicht danach aus, ob es bereits einen Wolfsmanagementplan gibt oder nicht. Sie brauchen genug zu fressen (am liebsten Reh) und einen Rückzugsraum, in dem sie ihre Welpen aufziehen können. Beides gibt es in den Mittelgebirgen, in Hessen wie in NRW. Und: Sie kommen jetzt auch von Westen! In diesem Frühjahr sind erstmals Welpen in den Vogesen zur Welt gekommen. Von dort ist die Anreise auf Wolfspfoten noch kürzer als aus der Lausitz. (SKn)

Quelle: KACZENSKY et al. 2009: Monitoring von Großraubtieren, BfN Skript 251, S. 17: Download