Heiße Diskussion in Trappenkamp

  • Fotos: Jens Hennings (2); Sebastian Koerner (Wolf)

Zu warm für Schlittenhunde und heiße Diskussion um Schutzstatus der deutschen Wölfe. Fotos: Jens Hennings (2); Sebastian Koerner (Wolf)

Jedes Jahr im Herbst, wenn die Blätter fallen und die Temperaturen normalerweise sinken (sollten), veranstaltet der Schlittenhundesportverein Nord (SSVN) im Erlebniswald Trappenkamp sein internationales Schlittenhunderennen. In diesem Jahr allerdings war es 18 Grad warm - für die zum Rennen eingespannten Hunde viel zu warm. Denn angepasst an arktische Temperaturen überhitzen sich die Tiere zu rasch und können schlimmstenfalls sogar kollabieren. Was tun, um den Zuschauern trotzdem etwas zu bieten? Dem Rennleiter blieb nichts anderes übrig, als die Laufstrecke von 4,6 km auf 2,5 km zu verkürzen. 

Das Wetter brachte auch uns vom Freundeskreis freilebender Wölfe e.V. weniger Besucher als sonst an unseren Infostand. Wie jedes Jahr nutzte die AG Nord die Veranstaltung, um über die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland zu informieren und dadurch zu erreichen, dass die Tiere wieder als Teil der Natur anerkannt werden. Hauptattraktion war wie so häufig unsere große Deutschlandkarte, auf der wir den momentanen Wolfsbestand in Deutschland dargestellt hatten. Beim Betrachten ergibt sich oft eine gute Gelegenheit, mit den Besuchern ins Gespräch zu kommen.

 

Ein Besucher zeigte sich sehr gut informiert. Er wusste, dass im September eine tote Wölfin bei Luttelgeest in den Niederlanden gefunden worden war. Das Besondere an diesem Fund: Die Genanalyse deckte auf, dass das Tier aus Polen stammte. Mehr noch: die Wölfin war sehr wahrscheinlich schon tot, als sie am Fundort abgelegt wurde, was ihr Mageninhalt bewies (ein polnischer Biber). Es handelte sich also um einen toten  "Kofferraumwolf" (siehe Meldung).

Wasser auf die Mühle derjenigen, die immer wieder anzweifeln, dass sich die Wölfe der Lausitz und anderswo in Deutschland freiwillig angesiedelt haben. Sie seien ausgesetzt worden und hätten sich dann vermehrt, heißt es. Doch nicht eine einzige Beobachtung oder Genanalyse unterstützt bislang dieses Gerücht, was wir dem Besucher natürlich auch sagten.


Unser Besucher wusste jedoch noch mehr: Kürzlich habe eine polnische Studie aufgezeigt, dass die in Deutschland zugewanderten Wölfe genetisch von Baltikumwölfen abstammen. Die wiederum hätten eine genetische Verbindung zu den ostpolnischen, zu den russischen und zu den Karpaten-Wölfen. Die polnische Kofferraumwölfin in den Niederlanden würde das doch nun wieder belegen. Das würde, so der Besucher, bedeuten, dass diese Wolfs-Population sehr groß sei und nicht, wie von Wolfschützern immer wieder behauptet, sehr fragil. Dann aber stünde einer Regulierung des Bestandes auch in Deutschland nichts im Wege, oder?

 

Was bei dieser Argumentation leider übersehen wird: Die Studie (Czarnomska et al 2013) macht keinerlei Aussagen über den Gefährdungszustand der Population. Alles, was sie aufzeigt, ist, dass die westpolnischen und deutschen Tiere ihren genetischen Ursprung in der baltischen Population haben. Zwar gibt es zwischen der deutsch-westpolnischen bzw. wie sie inzwischen genannt wird: der MitteleuropäischenTieflandpopulation und der Baltischen einen gewissen Austausch, doch ist der so gering, dass man nicht von einer Fortpflanzungsgemeinschaft sprechen kann. Es wandern einfach viel zu wenige Individuen vom Baltikum bis nach Deutschland und pflanzen sich dann auch noch erfolgreich fort.

Der Begriff Population ist ausgesprochen vielschichtig. Laut Definition ist es eine Gruppe von Individuen der gleichen Art, die aufgrund ihrer Entstehungsprozesse miteinander verbunden sind, eine Fortpflanzungsgemeinschaft bilden und zur gleichen Zeit in einem Areal zu finden sind. So betrachtet sind die baltische und die Mitteleuropäische Tieflandpopulation zwei verschiedene Populationen.

Die kleinere der beiden, zu der unsere deutschen Wölfe gehören, ist nach dem aktuellen Statusbericht der Europäischen Initiative für Großraubtiere (Large Carnivore Initiative for Europe, LCIE) nach wie vor als „stark gefährdet“ eingestuft. Eine Regulierung dieser Population ist also keinesfalls angesagt – und nach wie vor glücklicherweise verboten.

 

Die beiden Beispiele zeigen, dass wir an unseren Informationsständen immer wieder in heiße Diskussionen geraten, in denen all unser Wissen gefordert ist. Ob wir diesen Gast überzeugen konnten mit unseren Argumenten, wissen wir nicht – aber es zeigte sich trotzdem wieder, wie wichtig es ist, sich die Fragen und Argumente der Besucher anzuhören und ihnen möglichst frei von „Pro-Wolf“-Emotionen mit nüchternem Faktenwissen zu begegnen.

Jens Hennings/Beatrix Stoepel