Mindestens 10 illegal getötete Wölfe seit 2000

Röntgenaufnahme eines Wolfes, der 2009 in Sachsen erschossen aufgefunden wurde. © Institut für Zoo- und Wildtierforschung Berlin (IZW)

7.2.2014 - Rietschen/Gelnhausen: In Deutschland wurden seit der Wiederbesiedlung im Jahr 2000 bereits mehrfach Wölfe illegal erlegt. Der jüngste Fall ereignete sich Mitte Dezember in Sachsen. Damals wurde bei Hermsdorf (Landkreis Bautzen) ein toter Wolf gefunden, der erschossen worden war. Das Tier stammte aus dem Nochtener Rudel. Weitere Fälle gab es beispielsweise 2003 in der Nähe von Göttingen, 2004 in Bayern, 2007 in Brandenburg. Im selben Jahr töteten Jäger in Niedersachsen ein weiteres Tier. Anfang 2009 wurde eine Wölfin südlich des Tagesbaus Reichwalde in Sachsen erschossen aufgefunden, im gleichen Jahr erschoss ein Jäger einen Rüden, der auf dem Truppenübungsplatz in Altengrabow (Sachsen-Anhalt) lebte. Im Jahr 2013 starb im Westerwald ein Wolf durch die Kugel eines Jägers. In Sachsen wurden seit 2000 nachweislich vier Wölfe illegal getötet. In drei Fällen wurden die Tiere erschossen, ein Wolf ist absichtlich überfahren worden. In zwei weiteren Fällen („Einauge“ ehemalige Fähe des Nochtener Rudels und der ehemalige Milkeler Rüde ) wurde bei der Untersuchung von tot aufgefundenen Wölfen am IZW festgestellt, dass die Tiere zu Lebzeiten beschossen worden waren. Der Beschuss hatte bei diesen Wölfen nicht zum Tod geführt, hinterließ aber im Fall von „Einauge“ dauerhafte Schäden.

Dunkelziffer illegaler Tötungen ist vermutlich hoch

Wildbiologen vermuten, dass die Dunkelziffer bei illegalen Wolfstötungen hoch ist. »Wenn man sieht, wie viele Wolfswelpen in den bekannten Rudeln geboren werden, und wie viele Wölfe es tatsächlich gibt, dann klafft da eine Lücke. Es müssten mehr sein», zitierte die Elbe-Jeetzel-Zeitung im April 2013 den Wolfsberater Kenny Kenner aus Dübbekold (Niedersachsen). Solche Aussagen sind allerdings nur sehr schwer mit belastbaren Daten zu untermauern. Schwedische Wissenschaftler versuchten es trotzdem und kamen in ihrer Untersuchung (Liberg et al. 2011) zu dem Ergebnis, dass in Skandinavien Wilderei für die Hälfte aller Todesfälle unter freilebenden Wölfen verantwortlich ist. Die Wissenschaftler hatten dazu zwischen Dezember 1998 und April 2009 104 Wölfe mit Halsbandsendern versehen, von denen im Untersuchungszeitraum 26 Tiere tot aufgefunden worden waren. In 18 Fällen diagnostizierten die Wissenschaftler unerkannte illegale Tötungen.

Bei Luchsen im Schweizer Jura 30 Prozent der Mortalität durch illegale Tötungen

Auch bei anderen großen Beutegreifern wird eine hohe Dunkelziffer illegaler Tötungen vermutet. Bei Untersuchungen im Schweizer Jura (Breitenmoser- Würsten et al. 2007) gehen die Wildbiologen davon aus, dass in der Zeit der Untersuchung (1974-2002) im Schweizer Jura mindestens ein Drittel der Gesamtmortalität bei Luchsen auf illegale Tötungen zurückging.

Wie könnte man illegale Tötungen bei Beutegreifern verhindern?

Dieser Frage ging der Forstwirt Michael Herdtfelder aus Baden-Württemberg in seiner Doktorarbeit nach. Er untersuchte mit einer Sozialwissenschaftlerin, wie man die Akzeptanz für den Luchs insbesondere bei Jägern erhöhen könnte. Sein Fazit: Die Interessensgruppen müssen die Werte und Ziele aller Beteiligten akzeptieren und respektieren. Sie müssen akzeptieren, dass alle Gruppen in bestimmten Bereichen ihre Kompetenzen besitzen. Für manche Naturschützer ist das ein schwer verdaulicher Brocken: Sie müssten akzeptieren, dass Jäger (die ja meist die Waffen besitzen, mit denen die Beutegreifer illegal erlegt werden) wichtige Kompetenzen für das Wildtiermanagement mitbringen und von Anfang an gleichberechtigt bei allen Gesprächen rund um den Umgang mit Wölfen oder anderen Beutegreifern mit einbezogen werden müssen – sonst wird es nicht gelingen, die Zahl der illegalen Abschüsse zu senken. (SKn)

Quellen:
16.12.2013 Presseerklärung Kontaktbüro Wolfsregion Lausitz Toter Wolf wurde illegal geschossen
16.4.2013 Elbe-Jeetzel-Zeitung: Das Wendland ist jetzt Wolfsland

Breitenmoser-Würsten, C.; Vandel, J. M.; Zimmermann, F. & Breitenmoser, U. (2007): Demography  of lynx  (Lynx lynx) in the Jura Mountains. Wildlife Biology 13(4): 381-392 Abstract

17.8.2011 Proceedings B: Shoot, shovel and shut up: cryptic poaching slows restoration of a large carnivore in Europe Link

Herdtfelder, M. 2012: Natur- und sozialwissenschaftliche Analysen anthropogen bedingter Mortalitätsfaktoren und deren Einfluss auf die Überlebenswahrscheinlichkeit des Luchses (Lynx lynx) Download