Wölfe in der Kulturlandschaft – Gefahr für den Menschen?

Foto © Kopp/WWF

Wölfe zählen zu den anpassungsfähigsten Tieren der Welt. Sie kommen keineswegs nur in Gebieten mit wenigen Menschen vor, sondern auch in dichter besiedelten Kulturlandschaften in Mitteleuropa und Nordamerika. Die wichtigsten Voraussetzungen für die Eignung eines Gebietes als Wolfslebensraum sind ein ausreichend großes Beutetiervorkommen und Rückzugsräume, in denen sie den Tag verbringen und Welpen aufziehen können. Diese Voraussetzungen sind auch in der deutschen Kulturlandschaft vorhanden und ermöglichen dem Wolf eine seit nunmehr 15 Jahren stetige, zunehmende Verbreitung in Deutschland.
Vor diesem Hintergrund wird in der öffentlichen Diskussion immer wieder die Frage gestellt, ob die enge Nachbarschaft zwischen Wolf und Mensch in unserer Kulturlandschaft, insbesondere bei fehlender Bejagung des Wolfes, dazu führen könnte, dass Wölfe sich zunehmend distanzlos gegenüber Menschen verhalten und sie sogar angreifen könnten. Um diese Frage zu beantworten, muss man sowohl allgemeine Erkenntnisse über die Gefährlichkeit von Wölfen heranziehen, als auch spezielle Erfahrungen aus anderen Wolfsgebieten, welche hinsichtlich Bevölkerungsdichte vergleichbar sind und in denen der Wolf ebenfalls nicht bejagt wird.

Umfassende Informationen zum Gefahrenpotenzial von Wölfen liefert die 2002 vom Norwegischen Institut für Naturforschung (NINA) veröffentlichte Studie „The fear of wolves: A review of wolf attacks on humans". Darin wurden Berichte über Wolfsangriffe auf Menschen und ihre Ursachen in Skandinavien, Mitteleuropa, Asien und Nordamerika zusammengetragen und ausgewertet. Demnach sind Übergriffe von Wölfen auf Menschen grundsätzlich sehr selten. In der Vergangenheit gab es nur einzelne Fälle, in denen gesunde Wölfe einen Menschen angegriffen oder gar getötet haben. Wolfsangriffe auf Menschen lassen sich vor allem auf drei Ursachen zurückführen: Tollwut, Provokation und Futterkonditionierung.
Tollwut, eine tödlich verlaufende Viruserkrankung, die in früheren Zeiten als Hauptursache für Wolfsangriffe galt, ist in Deutschland seit 2008 ausgerottet und gilt auch in den angrenzenden Ländern durch die Immunisierung des Fuchses als weitestgehend bekämpft.
Auch die Provokation eines Wolfes ist unter den heutigen Gegebenheiten eine eher unwahrscheinliche Gefahrenursache, da sie laut der Studie vor allem Tierhalter betraf, die mit Knüppeln oder Heugabeln Wölfe in die Enge trieben, um ihre Nutztiere zu schützen bzw. Jäger die Welpen aus dem Bau holten.
Die in unserer gegenwärtigen Kulturlandschaft am ehesten mögliche Ursache für gefährliches Verhalten von Wölfen gegenüber Menschen ist eine starke Gewöhnung an die Nähe von Menschen (Habituierung) verbunden mit positiven Reizen wie z. B. Gaben von Futter (Futterkonditonierung). Futterkonditionierte Wölfe unterscheiden sich dahingehend von anderen Wölfen, dass sie sich aufgrund von positiven Reizen für Menschen interessieren und aktiv deren Nähe suchen. Bleiben die erwarteten positiven Reize (z.B. Futter) aus, kann das dazu führen, dass die betroffenen Wölfe aufdringliches, dreistes und schlimmstenfalls aggressives Verhalten entwickeln.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Alle Wölfe, die in direkter Nachbarschaft zum Menschen leben, müssen ein gewisses Maß an Gewöhnung an menschliche Aktivitäten an den Tag legen und werden deshalb auch nicht immer besonders scheu gegenüber Menschen sein. Dies gehört zum normalen Verhalten von Wölfen. Schließlich kennen die unter diesen Bedingungen aufgewachsenen Wölfe Menschen, sie sind an deren Geruch, Geräusche und vereinzelt auch an deren Anblick gewöhnt. Wenn sie die Erfahrung gemacht haben, dass die Wahrnehmung menschlicher Präsenz ohne negative Konsequenzen verläuft, reagieren sie bei Begegnungen mit Menschen und Fahrzeugen in der Regel vorsichtig, aber nicht extrem scheu. Die Wölfe zeigen sich typischerweise desinteressiert und traben meist ohne übermäßige Hast davon.
Wölfe, die in Kulturlandschaften leben, können - auch wenn dies selten ist - durchaus mal am Tage in Ortsnähe gesehen werden, ähnlich wie dies von Füchsen, Rehen oder Wildschweinen bekannt ist. Dies gehört ebenso zum Repertoire des normalen Wildverhaltens, wie die Tatsache, dass Jungwölfe durch ihre Neugierde und Naivität bisweilen eine geringere Fluchtdistanz zu Menschen aufweisen als erwachsene Wölfe.
Dieses Verhalten macht die in der Kulturlandschaft lebenden Wölfe nicht gefährlicher als ihre Artgenossen, die in menschenleeren Gebieten leben oder die bejagt werden, wie auch Erfahrungen aus anderen Ländern belegen. Wichtig ist, dass die Wölfe keine direkten positiven Erfahrungen mit der Nähe von Menschen verknüpfen. Wolfsgebiete, die ähnlich dicht mit Menschen besiedelt sind, wie die Wolfsgebiete in Deutschland, und in denen ebenfalls keine (legale) Jagd auf Wölfe stattfindet, gibt es in Italien, Schweiz, Slowenien und Polen. Seit 1950 sind in diesen Ländern keine Angriffe auf Menschen vorgekommen. Auch gibt es in diesen Gebieten keine Hinweise darauf, dass Wölfe ihre Vorsicht vor Menschen verlieren. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass auch die in Kulturlandschaft lebenden Wölfe während ihrer Prägungsphase im Welpenalter keinen Kontakt zu Menschen haben. Zu dieser Zeit sind die Welpen noch im bzw. in direkter Nähe zum Bau. Außerdem bevorzugen Wolfseltern für Baue und Rendezvousplätze üblicherweise ungestörte Bereiche.

Situation in Sachsen

In Sachsen leben seit mehr als 15 Jahren wieder Wölfe. In dieser Zeit wurden zahlreiche Wolfs-sichtungen dokumentiert (seit 2002 systematisch erfasst), jedoch gab es noch keine Situation in der Wölfe dem Menschen gefährlich geworden sind. Am häufigsten wurden Wölfe vom Auto heraus beobachtet. Die meisten Beobachtungen bezogen sich auf einen einzelnen Wolf, dauerten nur wenige Minuten und fanden auf größere Distanz statt. Nur selten wurden direkte Wolf-Mensch- Begegnungen auf kurzer Distanz (unter 50m) beschrieben.
Auch die Daten der bisher in Sachsen in zwei verschiedenen Studien telemetrierten (besenderten) Wölfe (Kontaktbüro berichtete) untermauern, dass Wölfe soweit es ihnen möglich ist, den Menschen aus dem Weg gehen. Die in den Studien untersuchten Tiere zogen sich für ihre Ruhephasen in störungsfreie Gebiete zurück und mieden tagsüber Ortschaften und Straßen. Auch die überwiegende Nacht- und Dämmerungsaktivität von Wölfen, die sowohl in Sachsen, als auch in vielen anderen europäischen Wolfsgebieten beobachtet wird, kann als Strategie zur Vermeidung eines Zusammentreffens mit Menschen interpretiert werden. Siedlungen und Straßen werden von den Wölfen häufig erst im Schutze der Dunkelheit frequentiert, wie nicht nur anhand von Telemetriedaten, sondern auch durch Sichtungen, Spuren und Rissfunde belegbar ist.

Das Verhalten von Wölfen wird im Freistaat Sachsen gemäß den Ausführungen im Managementplan für den Wolf in Sachsen beurteilt. Darin ist auch der Umgang mit auffälligen Wölfen geregelt.
Bisher gab es in Sachsen zwei Mal den Fall, dass das Verhalten von Wölfen als ungewöhnlich eingestuft wurde. In beiden Fällen handelte es sich um Welpen, die sich nicht aggressiv verhielten, sondern eher einen hilflosen/verwirrten Eindruck machten.
Der erste Fall betraf einen viereinhalb Monate alten Welpen des Milkeler Rudels, der im September 2008 tagsüber in Wittichenau in den Gärten von Einfamilienhäusern herumlief. Der Welpe wurde von den Biologinnen vom LUPUS Institut lebend eingefangen und anschließend im Tierpark Görlitz veterinärmedizinisch untersucht. Dabei wurde festgestellt, dass das Jungtier auf Grund einer fortgeschrittenen Augenkrankheit fast blind war. Da die Erkrankung nicht behandelbar war und zur vollständigen Erblindung führte, war eine Entlassung in die Freiheit nicht möglich. Der Welpe wurde auf tierärztlichen Rat hin eingeschläfert.
Der zweite Fall bezog sich auf einen offenbar an Räude erkrankten Welpen des Nochtener Rudels, der im November 2013 am Rande der Ortschaft Reichwalde Essensabfälle vor einem Restaurant fraß und dabei gesehen und fotografiert wurde. Auch in anderen Bereichen der Ortschaft bzw. deren Umgebung wurde der klein und abgekommen wirkende Welpe wiederholt bei der Nahrungssuche beobachtet. Entsprechend den Handlungsvorgaben des Managementplanes sollte auch dieses Tier von den Biologinnen des LUPUS Institutes lebend eingefangen und tierärztlich untersucht werden. Dazu kam es jedoch nicht, da der Welpe vorher verschwand bzw. keine weiteren Sichtungen, die sich auf dieses Tier hätten beziehen können, mehr vorkamen.
In beiden Fällen hielten sich beide Tiere verstärkt im Siedlungsbereich auch tagsüber auf, ein aufdringliches Verhalten gegenüber dem Menschen konnte jedoch nicht beobachtet werden.

Wie oben erwähnt wird die Futterkonditionierung als am ehesten mögliche Ursache für Angriffe von Wölfen auf Menschen eingeschätzt. Erfahrungen aus anderen Ländern, in denen es zu gefährlichen Situationen durch solche Wölfe gekommen ist, z.B. Nordamerika, zeigen, dass diese Situationen in der Regel nicht plötzlich auftreten, sondern die betreffenden Wölfe über einen längeren Zeitraum durch immer aufdringlicheres und dreisteres Verhalten auffällig werden. Das heißt, dass im Zuge des Wolfsmonitoring und der Entgegennahme von Sichtungsmeldungen eine solche Entwicklung frühzeitig zu erkennen ist, um daraufhin durch das Wolfsmanagement entgegenzusteuern. Das sächsische Wolfsmanagement ist strukturell und personell so aufgestellt, dass es dieser Herausforderung gewachsen ist. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass Bürger, die Hinweise auf einen möglicherweise auffälligen Wolf haben, diese Information zeitnah an eine der Meldestellen weitergeben (siehe unten).
In den beiden oben beschriebenen Fällen traf dies zu. Auch die zahlreichen Sichtungsmeldungen die Ende November 2014 ein freilaufender Tschechoslowakischer Wolfshund auslöste, zeigten, dass die Meldeketten funktionieren. Der männliche Hund wurde auf Grund seiner wolfsähnlichen Färbung von vielen Beobachtern mit einem Wolf verwechselt. Das dunkle Halsband, das er trug, wurde dabei für ein Senderhalsband gehalten. Der Hund war insgesamt mindestens drei Wochen im Freistaat Sachsen unterwegs. Meist nutzte er Straßen für ein rasches Fortkommen, hielt sich auch viel in Ortschaften auf. Insgesamt legte er eine Strecke von ca. 400 km zurück. Während seiner Wanderung durch die Landkreise Görlitz, Bautzen, Meißen und den Nordrand der Stadt Dresden gingen über 60 Sichtungsmeldungen ein, viele davon mit Fotos und Videos. Anhand derer konnten die Wolfsexperten vom LUPUS Institut für Wolfsmonitoring und -forschung in Deutschland erkennen, dass es sich nicht um einen Wolf handelt. Wenn es aber tatsächlich ein auffälliger Wolf gewesen wäre, so hätte man ihn durch die zahlreichen, zeitnah eingehenden Sichtungsmeldungen gut auffinden und gegebenenfalls weitere Maßnahmen veranlassen können.
Ende November wurde der Hund schließlich von einem Bürger in der Nähe von Radeburg (LK Meißen) eingefangen. Da der Hund einen Mikrochip aufwies, konnte die Herkunft des Tieres - eine polnische Zucht ca. 80 km von der Grenze entfernt- ermittelt, und der Hund schließlich seinen Besitzern zurückgegeben werden.

Situation außerhalb Sachsens speziell in Niedersachsen

Abgesehen von Sachsen leben Wölfe auch in Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg- Vorpommern und Niedersachsen. Im Monitoringjahr 2013/2014 waren in Deutschland insgesamt 25 Wolfsrudel, 8 Wolfspaare und 3 sesshafte Einzelwölfe bestätigt. In Niedersachsen wird seit 2015 eine Häufung von Sichtungen, in denen sich Wölfe gegenüber Menschen auffallend distanzlos verhielten, bzw. teilweise aktiv annäherten, bekannt. Diese beziehen sich offenbar auf Wölfe aus dem Munsteraner Rudel, welches seit 2012 rund um den Truppenübungsplatz Munster nachgewiesen ist. Es gab mehrere Begegnungen, bei denen ein oder mehrere Wölfe Personen mit Hunden bzw. auch Fahrzeugen sehr nahe kamen und ihnen teilweise hinterher liefen. Ein Jungwolf des Rudels sorgte im März auf seiner Wanderung durch den Westen Niedersachsens und einen Teil der Niederlande ebenfalls für Aufregung, da er häufig tagsüber entlang Straßen, auf kurze Distanz und sogar in Wohnorten gesehen wurde. Derartiges Verhalten kann nicht allein der Neugierde bzw. Naivität, die bei Jungwölfen vorkommen kann, zugeschrieben werden. Anders als die Wölfe in der Lausitz scheint es, dass die Wölfe des Munsteraner Rudels im Laufe ihrer Begegnungen mit Menschen auch deutliche positive Reize erfahren haben.
Wie es zu einer solchen positiven Verknüpfung der Tiere vor Ort zu Menschen und Fahrzeugen kam, ob Fütterung dabei eine Rolle spielte, ist noch unklar. Inzwischen hat das Niedersächsische Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz die Intensivierung des Monitorings, welches bisher nur unzureichend durchführt wurde, sowie konkrete Maßnahmen zur Untersuchung des Munsteraner Rudels eingeleitet. Diese beinhalten die detaillierte Aufnahme von Meldungen sowie den Versuch einzelne Wölfe zur Besenderung zu fangen. Weiterer Handlungsbedarf (z.B. Vergrämung) wird basierend auf den gewonnenen Untersuchungsergebnissen beurteilt werden.

Fazit 

Wölfe können in Kulturlandschaften leben, ohne eine Gefahr für Menschen darzustellen. Dies gilt auch, wenn sie nicht bejagt werden, wie Erfahrungen aus anderen Ländern und Deutschland (Lausitz) belegen. Sie reagieren bei Begegnungen mit Menschen in der Regel nicht besonders scheu, jedoch ist ihr Verhalten von arttypischer Vorsicht und Desinteresse gegenüber Menschen gekennzeichnet. Je enger die Nachbarschaft von Mensch und Wolf allerdings ist, umso öfter kommt es zu Begegnungen. Deshalb ist es von besonderer Bedeutung, dass die Situation und das Verhalten der Wölfe durch ein intensives Monitoring überwacht werden, um Verhaltensänderungen, die z.B. auf eine Futterkonditionierung hinweisen könnten, möglichst rasch zu erkennen. Durch konkrete Maßnahmen eines durchdachten Managements kann dann verhindert werden, dass eine gefährliche Situation für Menschen entsteht. In Sachsen gibt es derzeit allerdings - anders als im Munsteraner Rudel in Niedersachsen - keine Anzeichen für ein auffälliges Verhalten einzelner Wölfe.

Bitte melden Sie Hinweise auf Wölfe (Sichtungen, Spuren, Kot, Risse) an eine der folgenden Stellen:
- das Landratsamt Ihres Landkreises
- das Kontaktbüro „Wolfsregion Lausitz" (Tel. 035772 / 46762, kontaktbuero@wolfsregion-lausitz.de)
- das LUPUS Institut für Wolfsmonitoring und –forschung in Deutschland (Tel. 035727 / 57762, kontakt@buero-lupus.de).

Referenz
Linnell J.D.C., Andersen R., Andersone Z., Balciauskas L., Blanco J.C., Boitani L., Brainerd S., Breitenmoser U., Kojola I., Liberg O., Løe J., Okarma H., Pedersen H.C., Promberger C., Sand H., Solberg E.J., Valdmann H., Wabakken P. (2002). The fear of wolves: A review of wolf attacks on humans. NINA Norsk Institutt for naturforskning. Link
LUPUS Institut für Wolfsmonitoring und –forschung in Deutschland, unveröffentl. Daten
Managementplan für den Wolf in Sachsen (2014, 3. Fassung). Sächsisches Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft. Link
McNay, Mark E. (2002). A case history of wolf-human encounters in Alaska and Canada. Alaska Department of Fish and Game Wildlife Technical Bulletin 13. Link
Reinhardt Ilka und Gesa Kluth (2007). Leben mit Wölfen. Leitfaden für den Umgang mit einer konfliktträchtigen Tierart in Deutschland. BfN-Skripten 201. Link
http://www.wolfsregion-lausitz.de/index.php/umgang-mit-woelfen

Dieser Artikel wurde im Newsletter-Wolf Juni 2015 der Wolfsregion Lausitz veröffentlicht. Wir danken dem Kontaktbüro für die freundliche Genehmigung zur Übernahme.