Projekt Herdenschutzhunde bei Rindern

Kangal-Welpen - zukünftige Herdenschutzhunde (Foto © Schäferei Wümmeniederung)

07.03.2016 - Wichtig ist, das sich Halter von Nutztieren - egal was für eine Art - Gedanken um den Herdenschutz machen. Auch wenn durch den Wolf hauptsächlich Schafe gefährdet sind kommen seltener auch Angriffe auf große Nutztiere wie Rinder und deren Kälber vor.

Unser Verein Freundeskreis freilebender Wölfe e.V. ist zu klein, um prinzipiell bei der Anschaffung von Herdenschutzmaßnahmen finanziell zu helfen. Eine Ausnahme ist das Projekt bei Frau Homburg, wo wir die Anschaffungskosten von zwei Welpen, Kangals aus einer Arbeitslinie, übernehmen.
Es geht um eine kleine Rinderherde, in die Herdenschutzhunde eingesetzt werden sollen. Die Hunde sollen von klein auf mit den Rindern sozialisiert werden. Eine Umgewöhnung von Schafen zu Rindern braucht so nicht zu erfolgen. Das Projekt wird vom Verein für arbeitende Herdenschutzhunde in Deutschland e.V. unterstützt und von uns begleitet.
Da Frau Homburg uns auch regelmäßig mit Berichten versorgt, können alle von ihren Erfahrungen lernen.

Der Vorstand 
des Freundeskreises freilebender Wölfe e.V.

1. Bericht Projekt Herdenschutzhunde bei Rindern

Als wir im Februar 2015 mit der Nase voraus in die Wolfs-Thematik gestolpert sind, wußten wir über dieses Thema noch nicht viel. Wir sind hier in Oberfranken und trotz des 2011 am Schneeberg, nicht weit von uns, in die Fotofalle getappten Wolfes, schienen die Wölfe bis dahin sehr weit weg. Da war er nun, der seltsame Pfotenabdruck in meiner eigenen Schneeschuh-Spur vom Vorabend - in unmittelbarer Nähe der Weidehütte unserer Rinder, in einer Schnee- und Windlage, in der in unserem kleinen Dorf einfach des nachts keine Hunde herumgelaufen wären, noch dazu deutlich größere Hunde, von denen es hier ausser unseren eigenen Doggen zu der Zeit gar keine gab. Auf einmal machte auch der merkwürdige Kothaufen aus dem November 2014 auf unseren Koppeln seinen ganz eigenen Sinn – ein Kothaufen, der neben seiner Beschaffenheit vor allem durch die Reaktion unserer Hunde bemerkenswert war – die schnupperten kurz aber sehr intensiv daran und drehten sich dann mit sehr steifer Kopf-Nackenhaltung von ihm weg und waren den Rest des Weges immer bei mir.

Für uns war das Thema neu und unbekannt – und in etwa einer Woche sollten unsere Mutterkühe kalben. In Windeseile rüsteten wir unsere E-Zäune auf der Abkalbe-Koppel auf, die bereits „kälbersicher“ mit 4 Reihen eingezäunt war  – Glück für uns war, dass die Flächen ursprünglich für Pferde eingezäunt worden sind und die Zaunpfosten bereits deutlich höher waren, als sonst in der Rinderhaltung üblich. So konnten wir recht rasch, wenn auch unter ungünstigsten Zaunbaubedingungen zumindest einen Teil der Flächen sichern. Den Rest des Sommers haben wir die übrigen festeingezäunten Flächen aufgestockt und für nur mobil einzuzäunende Flächen erste (gute) Erfahrungen mit Schafsnetzen samt Überbau-Band gemacht.
Seitdem beschäftigen wir uns intensiv mit dem Thema Wolf und Weidetiere und dabei vorrangig dem Herdenschutz für unsere Rinder.

Unsere Hinterwälder Rinder, die zu den bedrohten Nutztierrassen gehören, sind mit 1,20 Meter relativ klein und unser kleiner Hof liegt mitten auf einer s. g. Rodungsinsel umgeben von Fichtelgebirgs-Wald. Andere Tiere in ganzjähriger extensiver Weidehaltung gibt es im weiträumigen Umfeld nicht und wenn man sieht, wie die Rinder sich durch den Tiefschnee „kämpfen“ und die Hunde auf der überfrorenen Schneedecke einfach oben drauf laufen, kommt man schon ins Grübeln. Auch, wenn die bisherigen Übergriffe auf Rinder in Deutschland deutlich seltener sind als auf Schafe, Ziegen und Gehegewild, ganz ausschliessen konnten wir unter Berücksichtigung unserer betrieblichen Besonderheiten eine Gefährdung dann doch nicht.
Auch bietet die Mittelgebirgslage mit oft schneereichen Wintern natürlich ihre Besonderheiten und Probleme in Sachen Elektro-Zaun.

Absolut passend für uns bot das LfU Bayern in Zusammenarbeit mit dem Fleischrinder-Verband eine Vortragsveranstaltung „Herdenschutzhunde bei Mutterkühen“ an, an der wir teilgenommen haben. Auf dieser Veranstaltung konnten wir Florian Wenger aus der Schweiz kennenlernen, der bereits seit 5 Jahren mit Herdenschutzhunden bei seinen Kühen und Rinder  arbeitet und von seinen Erfahrungen berichtet hat.
Seitdem haben wir uns mit der Thematik Herdenschutzhunde beschäftigt, uns eingelesen, Fachleute gefragt, Herdenschutzhunde bei der Arbeit angeschaut und kamen immer mehr zu dem Schluss, dass wir solch ein Projekt ebenfalls angehen möchten. Unseren Tieren zuliebe und ja, irgendwie auch den Wölfen zuliebe. Wenn man naturnah, naturfreundlich und tierfreundlich wirtschaftet und auf den Flächen pflanzliche und tierische Mitbewohner beherbergt, die sonst kaum noch einen Platz für sich finden können,  greift mit dem Wolf eins in andere und nun müssen wir lernen, mit dem Wolf zu leben, ohne dass er unseren Tieren zu nahe kommt.
Hier gibt es derzeit noch keine Wölfe, ab und an munkelt man von durchziehenden Tieren, aber mir hat sich ein Satz ins Hirn gebrannt, den Schäfer Jürgen Körner beim Fachgespräch Herdenschutz im Bundestag von sich gegeben hat: „Ich hatte keine Risse, weil ich die Hunde hatte, bevor die Wölfe kamen.“

Und genau das ist auch unsere Einstellung – der Herdenschutz muss stehen, ehe die Wölfe tatsächlich da sind. Nur so hat man die nötige Zeit, umzudenken, den Arbeitsalltag umzugestalten und sich an all die kleinen zusätzlichen Sicherungsmaßnahmen so zu gewöhnen, dass sie einem in Fleisch und Blut übergehen. Denn Fehler darf man sich als Nutztierhalter im Nebeneinander Herleben mit dem Wolf nicht erlauben, dazu sind die Wölfe einfach zu pfiffig.
Auch braucht die Eingewöhnung von Herdenschutzhunden, gerade bei Rindern, bzw. Mutterkühen eine gewisse Anlaufzeit und die Hunde wachsen nun auch nicht auf Bäumen, müssen erstmal erwachsen werden dürfen und ihre Erfahrungen machen – also sollte man rechtzeitig mit solch einem Projekt anfangen. Bis unser Herdenschutz wirklich „steht“, weil dann die Hunde erwachsen sind, rechnen wir mit 2 Jahren Vorlaufzeit.

Da es in Deutschland zwar bereits einzelne Rinderhalter gibt, die mit Herdenschutzhunden arbeiten, diese Variante des Herdenschutzes in der Rinderhaltung aber noch nicht so verbreitet ist, dass man viele Ansprechpartner in Sachen Erfahrungswerte hätte, haben wir uns dazu entschlossen, die Integration unserer künftigen Hunde zu unseren Hinterwälder Rindern fotografisch und textlich zu dokumentieren, so dass auch andere Mutterkuh/-Rinderhalter von diesem Projekt profitieren können.

Unsere künftigen Hunde kommen aus der Schäferei Wümmeniederung und stammen von Elterntieren ab, die bereits zertifizierte Herdenschutzhunde sind, das heisst, die Hunde haben erfolgreich ihre Arbeitsprüfung abgelegt und sind erfahrene Herdenschutzhunde, was für uns ein sehr wichtiger Punkt bei der Hundesuche war.

Mit dem Verein für arbeitende Herdenschutzhunde in Deutschland e. V.  
haben wir einen erfahrenen Ansprechpartner für alle im Verlauf noch aufkommenden Herdenschutzhund-Fragen und im Freundeskreis freilebender Wölfe e.V. haben wir einen Partner gefunden, der uns tatkräftig und auch finanziell durch Übernahme der Anschaffungskosten der Hunde unterstützt.

Ich denke, dass genau diese Form der Zusammenarbeit – Wolfsexperten, Tierhalter, die bereits Herdenschutzerfahrung haben und Tierhalter, die sich noch auf den Wolf einrichten müssen – diejenige sein wird, die im Konflikt-Feld Wolf und Nutztiere dauerhaft am meisten weiterhelfen wird.

Unsere Vorbereitungen laufen auf Hochtouren – darüber berichte ich dann beim nächsten Mal.

Bericht und Fotos: Chris Homburg, Wild-Bunch-Ranch, 95493 Bischofsgrün

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