Projekt "HSH bei Rindern" - große Fortschritte

27.01.2017 - Der aktuelle Stand sieht sehr gut aus – Rinder und Hunde finden immer mehr zusammen, die Wohlfühldistanz der Rinder, in der sie die Hunde akzeptieren, nimmt immer mehr ab und es finden schon regelmäßig freundliche soziale Interaktionen zwischen den Tierarten statt, die endlich auch mal von den Rindern ausgehen, bisher waren immer allein die Hunde die Initiatoren.  Auch in Sachen Herdenschutz stehen wir auf altersentsprechendem Niveau bereits gut da.

Das gegenseitige Belecken ist bei Rindern ein wichtiges Element im Sozialverhalten und gehört zu den wenigen Aktionen, bei denen der sonst eingehaltene Individual-Abstand unterschritten wird.
Wegen des Beleckens und der Angewohnheit der Rinder alles mit ihrer Zunge zu bearbeiten, aber auch wegen der Hörner tragen die Mc`s mittlerweile keine Halsbänder mehr. Für den Fall, dass man sie mal anleinen muss, haben sich Retrieverleinen mit integriertem Zugstophalsband bewährt, die griffbereit parat hängen.

Ganz entscheidende Fortschritte gab es durch die Anwendung von Hunde-Schlupfen, die den Hunden ein kurzes Ausweichen z. B. auf unseren ebenfalls eingezäunten Treibweg, auf die (ebenfalls eingezäunte) Nachbarfläche oder in das eingezäunte Hunde-Areal, in dem der Hundehütten-Hänger steht, ermöglicht haben. Dort, wo keine Ausweichflächen nebenan vorhanden waren, haben wir mit kurzen „Stich-Zäunen“ gearbeitet, die etwa 10 Meter in die Fläche reinragen, dort „blind“ enden und die ebenfalls, etwa mittig, über einen Hunde-Schlupf verfügen. Sinn dieser Stichzäune mit Schlupfen ist der, ein Rind, das einen Hund verfolgt, auszubremsen und dem Hund die Möglichkeit zu geben, sich durch den Schlupf in Sicherheit zu bringen. Bleibt der Hund dann dort gelassen stehen, ist der „Spaß“ fürs Rind vorbei und die Situation gelöst.

Verschiedene Schlupfvarianten – schraubt man die Querbretter nur mit einer Schraube fest und die Isolatoren nicht wie auf dem oberen Bild zu sehen am Pfostenkopf eine, kann man die Schlupfe bei Bedarf auch problemlos versetzen.

Auch die Panel-Elemente können eine Zeit lang (bis die Hunde zu gross werden) als Schlupf-Variante dienen. Noch besser eignen sich Panel-Elemente mit Kälberschlupfen, bedingt auch die Steckfix-Horden aus der Schafhaltung, die aber den Rindern nicht wirklich standhalten und durch die oben rausragenden Pinnöckel bei aufspringenden Rindern gefährlich werden können.

Hier mal ein Schlupf im Einsatz, die Hunde haben sehr schnell gelernt, nach dem Durchschlüpfen einfach stehen zu bleiben.

Wir haben die Schlupfe extra so gebaut, dass sie als wichtiges Erkennungsmerkmal für die Hunde grundsätzlich über eine deutlich sichtbare Querlatte aus Holz verfügen, damit die Elektro-Zaun-Treue der Hunde nicht verloren geht.
Oben über die Querlatte läuft im Verlauf von Elektro-Zäunen immer noch eine Reihe E-Zaun, damit die Rinder die Schlupfe nicht demolieren und natürlich auch, um den Stromfluss weiter führen zu können. Die Querlatte verhindert auch, dass die Kangal-Ringel-Rute an den E-Zaun gelangt.
Ansonsten sind die Schlupf-Modelle recht unterschiedlich, wir haben einfach mit vorhanden Tomatenpfählen und Holzlatten gearbeitet, es kam weniger auf das „schön“ an, denn auf Funktionalität.
Als wir die ersten Schlupfe gebaut haben, haben wir den Hunden erst einmal die Möglichkeit gegeben, sich an das Schlupf-System zu gewöhnen. Die ersten Male z. B. mit Hilfe eines durch den Schlupf geworfenen Leckerli.  Als beide Hunde dann völlig selbstverständlich dort durchgeschlüpft sind und die Schlupfe sogar ins Verfolgungs-Spiel eingebaut haben, war es dann soweit, dass auch die Rinder auf die Fläche konnten. Auch da gab es dann zunächst eine Beobachtungsphase, bis man sehen konnte, dass die Hunde die Schlupfe auch in kniffligen Momenten wirklich zu nutzen wissen, wenn doch immer mal wieder eines der Jungrinder auf übermütige Verfolgungs-Gedanken gekommen ist. Die Hunde haben sehr schnell begriffen, dass es genügt, durchzuschlüpfen und dann sofort stehen zu bleiben.
Die Schlupfvarianten haben so gut funktioniert, dass die Hunde die weiteren Schritte der Integration problemlos und ungefährdet vollkommen eigenständig auf sich nehmen konnten, womit sich der Aufwand des Aufbaus mehr als gelohnt hat.
Auch jetzt, in der Winterhaltung arbeiten wir weiter mit Schlupfen, so dass die Hunde immer die Möglichkeit haben, die Rinder-Auslauffläche kurzzeitig zu verlassen, falls die Rinder grad in übermütiger Laune sind oder die Kühe rindern.
Hinterwälder Rinder gehören zu den sehr temperamentvollen Rinderrassen, die gern und viel übermütig herumtollen und in solcher Spiel-Laune sind auch immer noch kleinere Schein-Attacken auf die Hunde möglich.

Auf gut strukturierten Flächen mit Busch- und Baumbestand und natürlicher Deckung oder bei sehr ruhigen Rinderrassen wäre so etwas  nicht in so ausgeprägter Art nötig gewesen – hier aber gibt es keine natürlichen Deckungsmöglichkeiten auf den Flächen, da wir nur einen kleinen, noch jungen Einzelbaum-Bestand haben und unsere Rinder sind nun mal ausgesprochen temperamentvoll.
Dennoch sollte es auch unter günstigeren Bedingungen  mindestens eine Rückzugs-Zone für die Hunde geben, in der sie sich während der Integrationsphase, in der gemeinsames Ruhen noch nicht möglich ist,  unbelästigt von den Rindern ausruhen oder in Sicherheit bringen können. Die Gestaltungsmöglichkeiten sind da vielfältig, sei es durch Panel-Elemente mit Kälberschlupf oder Anhänger, z. B. für Weidefässer, unter denen die Hunde genügend Platz haben, auch wenn von allen Seiten neugierige Rindernasen kommen.

Je häufiger die Rinder Erfolg mit ihren „Verfolgungsjagden“ haben, desto schwieriger wird es für die Hunde, deshalb war es uns so wichtig, ein Lösung zu finden, die diese Verfolgungsspielchen verhindern kann.  Erst nachdem die Hunde durch das Stehenbleiben hinter den Schlupfen eine gewisse Vorarbeit geleistet haben, war es dann im Verlauf auch ohne Deckungs-Schlupf möglich, dass ein Hund das Rind einfach auf sich hat zukommen lassen und auch auf freier Fläche stehen geblieben ist. Die Hunde haben da ein unglaublich gutes Gespür dafür, wann das geht und wann das Rind es wirklich ernst meint.

Auf dieser Bilderserie ist eines der ersten Male zu sehen, bei denen McGyver es geschafft hat, dem Rind, das da auf ihn zugeprescht kommt, standzuhalten, wenn hier auch noch in deutlicher Rückwärts-Haltung. Das ist für einen jungen Hund eine riesengrosse Leistung und spricht für die mentale Stärke der Hunde, ebenso dafür, wie gut sie ihre Rinder „lesen“ können, um die Unterscheidung zwischen Schein-Attacke und ernsthafter Attacke zu treffen.

Die Hunde leisten bei dem Zusammenwachsen mit ihren Rindern wirklich Schwerarbeit – erst seit kurzem zeigen auch die Rinder tatsächlich Interesse an freundlichen  sozialen Interaktionen mit den Hunden, im Vorfeld ging bisher alles an Bindungs-Arbeit und Akzeptanz-Arbeit von den Hunden aus.

Dabei arbeiten die Hunde sehr häufig mit der Wohlfühldistanz der Rinder, also derjenigen Distanz, in der die Rinder die Anwesenheit der Hunde bereits problemlos akzeptieren und kommen in guten Momenten, für die die Hunde ebenfalls ein unglaubliches Gespür haben, ganz allmählich immer näher an die Rinder heran. Gleichzeitig entwickeln sie Verhaltensweisen, die es den Rindern leichter machen, die Anwesenheit der Hunde hinzunehmen. Da sind interessante Strategien dabei. Eine besteht darin, dass die Hunde betont auffällig an irgendwas in der Nähe der Rinder intensiv herumschnuppern, um den Rindern zu demonstrieren, dass sie nichts weiter von diesen wollen. Auch passen die Hunde in der Nähe der Rinder ihre Bewegungsabläufe und Körperhaltung  deutlich an. Meist schlendern sie betont uninteressiert in der Nähe herum, haben dabei eine Körperhaltung mit herunterhängender Rute (was sonst nie vorkommt) und leicht gesenktem Kopf. Allenfalls gibt es einen langsamen lockeren Trab in der Nähe der Rinder -  wenn es nötig ist, sich aus der Herde heraus an den Zaun zu begeben, um dort in Sachen Herdenschutz tätig zu werden. Erst dann, wenn die Hunde die Rinder einige Meter hinter sich gelassen haben, legen sie in vollem Galopp los und setzen auch ihr Bellen ein.

Es ist unglaublich faszinierend, was die Hunde da leisten und wie sehr sie sich auf ihre Tierart einstellen können.

Bei der Bindungsarbeit zu den Rindern ist McGyver der Vorreiter und wagt auch schon mal eher etwas, während McGee in dieser Hinsicht etwas zurückhaltender ist und mehr auf passive Anwesenheit setzt. Beide Vorgehensweisen funktionieren gegenüber den Rindern und machen stetige Fortschritte möglich. Beide Hunde wissen mittlerweile sehr genau, wann welche Interaktionen mit welchem Rind möglich sind und wann nicht und gehen tatsächlich auch sehr individuell mit den Rindern um. Was übrigens anders herum genauso gilt.  Das ist interessant zu beobachten, ebenso die Unterschiede in den ganz individuellen Rind-Hund-Beziehungen.  
Unsere Mutterkühe haben relativ wenig Schwierigkeiten gehabt, sich im Laufe der Zeit allmählich an die Hunde zu gewöhnen, sie haben dafür einfach nur Zeit benötigt  – den Kühen ging es in erster Linie darum, die Hunde aus ihrem Wohlfühlbereich herauszuhalten, die Hunde von ihnen wichtigen Ressourcen (Liegeplatz, Futter) fernzuhalten und als das geklärt war, waren sie überraschend tolerant gegenüber den Hunden, allerdings auch anfangs nicht weiter an einer Vertiefung der gegenseitigen Beziehung interessiert. Richtig ernst gemeinte Attacken der Mutterkühe gegen die Hunde gab es lediglich im Herbst in einer etwa zweiwöchigen Phase, als die Rinder insgesamt einen beunruhigten Eindruck gemacht haben. In dieser Phase waren die Rinder nach aussen hin sehr aufmerksam, haben nur im Pulk geweidet und sich zum Wiederkäuen nicht hinlegen wollen. Was der Auslöser war, wissen wir nicht.

Die deutlich grösseren Schwierigkeiten haben uns die übermütigen Jungochsen bereitet, die aus lauter Übermut, Kasperei und Dummfug immer wieder in zwar spielerischer Absicht, aber dennoch für die Hunde nicht ungefährlich, die Hunde attackiert haben. Die Jungochsen, hatten, so drollig es klingt, einfach Spass daran, die körperlich unterlegenen Hunde durch die Gegend zu scheuchen. Mit dem Schlupf-System war dieser einseitige Spaß dann vorbei und kommt mittlerweile nur noch sporadisch in angedeuteten Attacken vor, die entweder mit einem Ausweichen der Hunde durch einen Schlupf enden, oder aber wie auf diesen Bildern mit dem Stehenbleiben des Hundes:

Die unterwürfig-beschwichtigende Haltung von McGyver ist ein wichtiges Element, das nicht unterschätzt werden darf. Bis sich stabile soziale Beziehungen zwischen Hunden und Rindern entwickelt haben, müssen die Hunde sich verhalten wie ein rangniedriges Herdenmitglied. Die Hunde müssen lernen und zwar mit Hilfe durch ihren Menschen, dass sie Konfliktsituationen ausweichen können und sich nicht auf Hunde-Art zur Wehr setzen. Ein Hund, der in diesen oftmals sehr bedrängenden Momenten knurrt, oder Abwehrschnappen zeigt oder gar in die Rindernase packt, hat es künftig unnötig schwer, weil die Rinder sich so etwas merken und auf Rinderart klären würden.
Die Option, eine Situation einfach durch Weggehen/Ausweichen aufzulösen, kommt in den wenigsten Hunden automatisch vor, da brauchen die Hunde oft ein wenig Hilfestellung.

Hier zeigt McGyver durch beschwichtigendes Züngeln an, dass ihm das Belecken durch das Rind nun zuviel wird und bekommt in diesem Moment von mir Unterstützung, indem ich ihn durch den Schlupf aus der Situation rausschicke.

Sobald die Hunde die Erfahrung, einfach weggehen zu können, wenn etwas zu viel wird, zu bedrängend ist, mehrmals gemacht haben, sind sie in der Lage, dies auch eigenständig anzuwenden. Solche kleinen Momente der Unterstützung der Hunde durch ihren Halter lassen eine solide Basis von Vertrauen und Zusammenarbeit entstehen, bei der die Hunde ihren Halter als verläßlichen Partner kennen lernen.

Mittlerweile kommunizieren die Rinder allesamt zwar auf Rinder-Art mit den Hunden, aber in einer recht moderaten Art, die an den etwas gedämpftem Umgang mit Kälbern erinnert. Da, wo ein Rind das andere auch schon mal gescheit anknuffen würde, setzen sie bei den Hunden einen angedeuteten Kopfschlenker ein und steigern ihr Verhalten erst, wenn der Hund nicht prompt reagiert.

Hier „fragt“ McGyver grad bei Kuh Brauni an, ob er die Engstelle passieren darf. Die Kuh macht mit einer leichten Kopfbewegung den Weg deutlich zu, sagt also „Nein“. McGyver reagiert zunächst durch Abwenden des Blicks darauf, probiert es aber doch und wird mit einem energischen Kopfschlenkern der Kuh in die Schranken gewiesen.

So, wie die Hunde, sich auf die Rinder einstellen können, indem sie ihre Verhaltensweisen und Reaktionen auf eigenes Verhalten „lesen“, so stellen sie sich auch auf die gänzlich anders mit ihnen kommunizierenden Ponys ein und natürlich auch auf uns Menschen. Die Hunde, oder besser, die „Mc`s“ sind da sehr vielseitig und bringen eine unglaubliche Anpassungsbereitschaft mit. Das erleichtert auch den täglichen Umgang mit ihnen sehr.  Regelmäßig wiederkehrende Abläufe werden von den Hunden sehr schnell verstanden und sie entwickeln da jeweils sehr rasch, Lösungen, um damit umzugehen. Beispiele sind da etwa das Durchlassen der Rinder durch ein Tor, wo die Hunde sich in solchen Momenten selbstständig an rindertaugliche und auch herdenschutz-strategische Positionen begeben, das Passieren von Engstellen gemeinsam mit den Rindern, das Abwarten in Deckungsnähe bis die Rinder sich den ersten Übermut ausgetobt haben und auch das zeitige Erkennen der hormonellen Lage der Mutterkühe, was ich besonders spannend finde. Ich weiss anhand der Aufzeichnungen, wann die Ladys ungefähr rindern werden, aber die Hunde wissen es immer ein paar Stunden eher als ich. Da die spät kastrierten Jungochsen sehr auf das Rindern reagieren und dann gern sehr launisch sind, halten die Hunde in solchen Momenten deutlich mehr Abstand als üblich.

Wir haben hier durch die Lage unserer Flächen direkt am Hof und durch den täglichen engen Umgang mit unseren Rindern und Pferden natürlich auch einen entsprechend engen Kontakt zu den Hunden, was vieles im allgemeinen Umgang und Handling vereinfacht. Ich hatte mir wegen der vor allem in der Anfangszeit doch recht engen Bindung zu den Welpen viele Gedanken gemacht, wie die Hunde sich allmählich von den Menschen auch wieder ein wenig abnabeln können, diese Gedanken allerdings hätte ich mir sparen können, denn mit zunehmendem Alter und zunehmender Eigenständigkeit erfolgt diese Abnabelung ganz selbstverständlich und ganz von allein durch die Hunde selbst. Wir Menschen müssen ihnen lediglich den Freiraum dafür bieten. Wie so viele andere Fähigkeiten auch, steckt auch der dringende Wunsch, sich an die Herde zu binden, offensichtlich sehr tief in den Hunden drin, so dass unser bisheriges Vorgehen dem Herdenschutz nicht nur nicht im Weg gestanden hat, sondern unsere Hunde durch die in der Welpenzeit erfolgte „kleine Ausbildung“ und Umwelt- und Menschensozialisation sogar entscheidende Vorteile haben, weil sie viele Lernerfahrungen machen konnten, die ihnen in unserem touristisch geprägtem Umfeld selbstsichere, eigenständige Entscheidungen möglich machen.

Ich habe den Eindruck gewonnen, dass die Hunde mich als eine Art Teilzeit-Herdenschützer auf zwei Beinen betrachten, an dem sie sich, wenn ich da bin, orientieren können und den sie bei Aktionen wie Umtrieb auf andere Fläche über den engen Treibweg mit in ihre Herdenschutztaktiken einbauen.
Gehe ich z. B. den Rindern voran, wenn es auf die Weide geht, nehmen die Hunde eine Position am Ende der Herde ein.

Gehe ich hinter den Rindern, laufen die Hunde vorweg, bin ich gar nicht dabei, nehmen sie wechselnde Positionen ein. In Sachen Herdenschutz-Taktiken, ist hier McGee der Vorreiter, der sehr rasch bei neu auftretenden Herdenschutz-Problemen wie Gelände-Kontrolle im dichten Nebel oder ober- und unterhalb der Fläche gleichzeitig auftauchende Spaziergänger-Hunde Strategien entwickelt, wie die Hunde damit umgehen können und die auch sofort umsetzt und b. Bd. auch immer weiter verbessert.
Die Hunde ergänzen sich also auf wunderbare Art – jeder leistet auf einem Spezial-Gebiet sozusagen die Vorarbeit für den anderen mit, McGyver bei der Rinder-Integration, McGee in Sachen Herdenschutz und dieses gegenseitige Ergänzen ist vermutlich der Grund dafür, warum die Hunde bisher sehr gut miteinander harmonieren.

Bei aller Eigenständigkeit sind die Mc`s aber in Bezug auf touristische Aktivitäten gut lenkbar – mit dem Winter kamen hier bei uns natürlich die entsprechenden Wintersportaktivitäten, unsere Flächen sind umzingelt von der Langlaufloipe und das war für die Hunde, die das bisher ja noch gar nicht kannten, eine besondere Herausforderung. Die Loipe verläuft deutlich näher an unseren Flächen als die sonstigen Wanderwege und grad die Könner unter den Langläufern, die schnell und lautlos heransausen,  sind durch die Hunde anfangs als grosse Bedrohung eingeschätzt worden.

Für Hunde, die es bis dahin überhaupt nicht erlebt haben, dass jemand sich unmittelbar am Zaun entlang bewegt, stellen die Wintersportler, vor allem die „Individual-Sportler“ eine grosse Umstellung dar – noch dazu, weil hier an einem Wintersport-Wochenende mehr los ist, als in drei Sommer-Monaten zusammen.
Tagsüber haben die Mc`s mit unserer Unterstützung schon gut gelernt, dass die Langläufer ok sind – diese werden nur mit kurzem Bellen aufmerksam gemacht, manche auch den Zaun entlang begleitet, aber am Verhalten der Hunde merkt man, dass das keine bedrohliche Herdenschutz-Nummer mehr ist.
Bei wintersportlichen Aktivitäten in der Dunkelheit dagegen, wird das volle Programm abgezogen – da sind die Hunde und ich uns aber auch absolut einig.
Gleiches gilt für freilaufende Hunde, die die Skifahrer im schnellen Tempo begleiten – rein optisch tauchen diese hier ganz plötzlich an einer kleinen Kuppe auf, worauf die Hunde entsprechend mit deutlich verstärkter Vehemenz reagieren als auf sonstige Spaziergänger-Hunde.
Eine weitere Situation, die immer mit energischem Herdenschutz-Auftreten einhergeht, sind Aktivitäten am Waldrand, noch dazu in der Dämmerung. Durch eine kleine Kuppe sehen die Hunde da nur die Köpfe der meist Schneeschuhwanderer, ähnlich sieht es am querenden Teil der Loipe vor dem Waldrand aus – die Hunde können die Wintersportler dort nicht als Menschen wahrnehmen, weil sie nur die Köpfe in schnellem Tempo sehen – entsprechend fällt die Reaktion der Hunde aus.  

Es gibt mittlerweile viele verschiedene mögliche Reaktionen in Sachen Herdenschutz auf verschiedenste Aussenreize. Das geht von reinem Beobachten,  über beobachtend mitlaufen, über kurzes Bellen und mitlaufen bis hin zu deutlicher Präsenz am Zaun und auch diese Zaun-Präsenz gibt es noch mal in unterschiedlichen Abstufungen. Hier ist es nicht der normale Alltag, dass Tiere oder Menschen sich unmittelbar am Zaun aufhalten, weil dort keine Wege sind, entsprechend fallen die Reaktionen der Hunde bei Annäherung sehr deutlich aus, auch gegenüber Menschen. Aber auch dabei kann man grosse Unterschiede im Verhalten gegenüber Menschen am Zaun und Hunden am Zaun feststellen.

Mittlerweile kann ich, wenn ich die Hunde agieren höre, schon ganz gut Vorhersagen treffen, was ich da gleich aus dem Fenster raus sehen werde. Entsprechend gibt es Aktionen der Hunde, die einen des nachts sofort aus dem Bett springen und nach drausen eilen lassen, während man bei anderen Aktionen raushören kann, dass es wohl eher die Dorfkatzen sind, die auf dem Heuboden herumtrampeln oder auf der Nachbarfläche auf Mäusejagd sind.
Bei den Hunden vollkommen neuen Aussen-Reizen reagieren sie immer zunächst sehr deutlich, bis sie durch mehrere Wiederholungen ihre Erfahrungen sammeln konnten und diesen Aussenreiz einschätzen können.

Richtig „böse“ Probleme hatten wir noch keine, das mag aber mit Sicherheit auch an der bisherigen Hundeerfahrung mit vielen früheren Hunden liegen, die es einem möglich macht, Problemchen bereits in der Entstehungsphase zu erkennen und nicht erst dann, wenn es schon ausgewachsene, etablierte Probleme sind.
Erkennt man ein Problem(chen) ist das Wichtigste, dass man sofort darauf reagiert und es nicht weiter wachsen läßt.
Problemchen waren hier eine sich schon sehr früh bei McGee entwickelnde Ressourcenverteidigung in Sachen Futter, auch gegenüber Pferden und Rindern,  die ich gleich im Entstehen erkennen und somit auch sofort darauf reagieren konnte. Die Lösung bestand anfangs in Fütterung auf mehreren Metern Abstand und mit Sichtschutz zwischen den Hunden und Abstand zu den anderen Tieren,  mittlerweile brauche ich aber nur noch in der Nähe bleiben, während die Hunde fressen. Da das hier bei uns 2 x tgl. etwa 2 Nanosekunden sind, bis die Näpfe leer sind, ist es kein grosser Zeitaufwand für uns.
Ein anderes Problem, das ich anfangs fälschlicherweise als Zaun-Problem definiert hatte, war eine kurze Phase, in der ich dachte, die Hunde unbedingt nur noch bei den Rindern lassen zu müssen, um die Integration zu beschleunigen und den Hunden den Zugang zur direkt nebenan liegenden Pferde-Fläche verwehrt habe, die sie bis dahin zum Spielen und Ruhen ausser Reichweite der Rinder aufgesucht hatten.  Die Hunde waren kreuzunglücklich und saßen extrem häufig unmittelbar am Zwischenzaun zur Pferdefläche. Recht bald ergriffen die Hunde dann Eigeninitiative und schlüpften unter dem deutlich offeneren (keine 20-cm-Reihe) Innenzaun zwischen Rinder- und Pferdefläche durch, um auch wieder zu den Pferden zu gelangen zu können. Ich habe ein wenig gebraucht, bis ich das Problem verstanden habe – und zunächst rein am vermeintlichen Zaun-Problem gearbeitet, indem ich auch an diesem Innenzaun eine 20-cm-Reihe gezogen habe (Isolatoren sind da vorhanden, für die Zeiten, in denen Kälber da sind). So war das vermeintliche Zaunproblem zwar erstmal gelöst – aber ich hatte immer noch bedröppelte Hunde am Zaun sitzen.
Bis ichs dann endlich verstanden habe.
Kein Zaun-Problem, sondern ein Herdenschutz-Problem. Die Mc`s sind nun mal „dual“ mit Rindern und Pferden aufgewachsen, waren es bis vor kurzem gewöhnt, überall nach dem Rechten schauen zu können und auch mal Stippvisiten bei den Pferden einzulegen. Nun hatte ich ihnen das verwehrt, in meinem Bestreben, die Rinder-Hunde-Geschichte vielleicht beschleunigen zu können.
Die Lösung war ein Schlupf zwischen Rinder und Pferdefläche. Und ich hatte sofort wieder zufriedene Hunde, die ihrer Herdenschutztätigkeit bei Rindern und Pferden zuverlässig nachgehen und nur gelegentlich mal zu kurzen Geländekontrollen oder zu Herdenschutzeinsätzen nach ganz vorn kommen und ihren Hauptaufenthaltsschwerpunkt bei den Rindern beibehalten.

Kein Problem ist es übrigens, wenn die Rinder weit hinten ausser Sicht der Pferdefläche auf der Fläche sind – dann bleiben die Hunde zuverlässig dort, in ihrem Haupt-“Job“ bei den Rindern.  Sobald die Pferde aber direkt nebenan sind, „möchten“ die Hunde zu beiden Tierarten können.
Die grundsätzliche Zauntreue hat das in keinster Weise betroffen –  der Aussenzaun ist nach wie vor wie eine „Mauer“ für die Hunde. Auch, wenn dort ausgebüxte Stallhasen vor ihrer Nase rumhüpfen, ein Reh dort auftaucht oder Fremdhunde am Zaun sind.
Auch jetzt im Winterbetrieb, in dem wir die Rinder ganz nach vorn an den Hof geholt haben und der Rinderauslauf unmittelbar an den Pferdeauslauf anschliesst, können die Hunde zwischen Pferden und Rindern hin und her wechseln.

Silvester war für uns spannend, weil wir gespannt auf die Reaktion der Hunde auf die Knallerei waren. Leider zeigt sich auch in unserem kleinen Dörfchen die Tendenz, dass die Silvesterknallerei immer früher beginnt, immer länger und doller anhält, nur wenig bis keine Rücksicht auf Holzscheunen vollgepackt mit Heu und Stroh oder Tierhaltungen genommen wird und so war es in diesem Jahr dann soweit, dass unsere Pferde, die die bisherige „1 Stunde Knallerei und dann ist gut“ immer problemlos überstanden hatten, dann doch die Nerven verloren haben und ins Rennen geraten sind. Die Rinder waren äußerlich unbeeindruckt, haben am nächsten Morgen aber doch leichten Durchfall gehabt. Bis zur Panik der Pferde  haben die Mc`s sich gut geschlagen – McGyver hat ein wenig unsicher auf die Knallerei reagiert, hat sich aber von uns Menschen Sicherheit geben lassen und hat den Rest mit Hilfe von Knackwürstchen gut überstanden.  McGee hats als Herausforderung genommen und versucht, das Feuerwerk durch energisches Auftreten zu vertreiben, als die Pferde aber ins Rennen gekommen sind, auf der kleinen Auslauffläche, musste ich die Hunde  dann doch dort herausnehmen, das wäre sonst viel zu gefährlich gewesen, die Pferde wären bei aller Freundschaft zu den Hunden nicht mehr in der Lage gewesen, auf diese zu achten.

Stellt man sich die Panik einer Herde Grossvieh bei einer Wolfsattacke vor, macht man sich da schon Gedanken, wie unglaublich schwierig das während der Integrationsphase für die Hunde sein muss – nicht nur schwierig, sondern auch extrem gefährlich. Die Weidetiere KÖNNEN in so einem Moment die Hunde nicht mehr wahrnehmen, wenn sie im Panik-Modus sind. Grad bei den Rindern dauert es eine gewisse Zeit, bis sie sich tatsächlich auch schützen lassen und nicht mehr in Panik verfallen würden, entsprechend sollte man an Deckungsmöglichkeiten auch im weiteren Verlauf denken, wenns vermeintlich
schon ganz gut klappt. Bis die Rinder ruhig bleiben können, weil sie gelernt haben, sich auf die Hunde zu verlassen, kann es eine ganze Weile dauern.
Dieses Phänomen, sich tatsächlich auch schützen zu lassen, ist bei Rindern, die ja überaus selbstbewusst und auch sehr wehrig sind, tatsächlich gar nicht so einfach zu erreichen. Wir hatten hier auch schon ab und an „Kuddelmuddel“ am Zaun, weil die Rinder selbst auch angerannt gekommen sind, wenn da jemand mit Fremdhund am Feldrand langmarschiert ist. Da waren wir, besonders als die Hunde noch deutlich jünger waren, froh um unser Schlupfsystem mit „Doppel-Zaun“, denn so konnten die Hunde ihrer Herdenschutztätigkeit nachgehen, ohne von hinten von den Rindern überrannt zu werden.
Das scheint sich aber ganz allmählich zu verbessern, die Mutterkühe zeigen schon ganz gute Tendenzen, sich schützen zu lassen und die Hunde agieren zu lassen  und beim Rinderjungvolk ists wohl in erster Linie wieder eine Kombination aus Mutwillen und Energie, die sie noch zum Mitmachen animiert.

Auch neben dem Aspekt des „sich schützen lassens“  macht es ab und an mal Sinn, sich die Frage zu stellen, was die Hunde für die Rinder denn wohl bedeuten. Denn Rinder sind mindestens genauso ressourcenbewusst, wie viele Hunde auch und haben einen sehr ausgeprägten Individualabstand und eine sehr feine Kommunikation, die manchmal nur aus einigen Millimetern Ohren- oder Kopfbewegung oder einer Anspannung einer bestimmten Muskelgruppe bestehen kann. Auch die Betreuungsperson kann für Rinder eine wichtige „Ressource“ sein und das gilt nicht nur für so menschennahe Haltungen wie bei uns hier, sondern auch für andere Rindergruppen. Jeder Rinderhalter kennt es, dass die Rinder sich nicht ohne Weiteres von anderen Menschen betreuen lassen, jeder Rinderhalter hat schon mal so einen Satz gesagt wie „Mit meiner Leitkuh/dem Bullen will ich es mir nicht verscherzen“, jeder Rinderhalter hat zusammen mit seinen Rindern ganz bestimme Abläufe, auf die die Tiere auch großen Wert legen. Das bedeutet,  dass man im Umgang mit den Hunden die Betreuer-Rind-Beziehung nicht ausser Acht lassen sollte.

Wenn man mit Herdenschutzhunden anfängt, bekommt man immer wieder den Satz „Die Hunde machen das schon“ zu hören. Je mehr sich dieser Satz mit eigenen Erfahrungen und Beobachtungen füllt, umso stimmiger wird er dann auch.

Es ist immer wieder bemerkenswert, was in diesen,  gerade mal 11 Monate jungen Hunden jetzt schon alles an Fähigkeiten drin steckt – neben der enormen Leistung in Sachen Bindungsverhalten bei den Rindern, lassen sich schon sehr viele Herdenschutz-Elemente erkennen, die die Hunde je nach Situation und Lernerfahrungen immer weiter ausbauen und anpassen. Den bisher größten Entwicklungssprung haben die Mc`s dabei unmittelbar nach der Junghund-Unsicherheitsphase mit etwa 6 Monaten abgeliefert, ab da ging mit den Junghunden Vieles, was den Welpen bis dahin schon allein aufgrund der noch mangelnden körperlichen und „mentalen“ Fähigkeiten noch gar nicht möglich war.

Grad, weil sie soviel leisten, darf man aber nicht vergessen, dass die Mc`s noch lange nicht fertig mit ihrer körperlichen und mentalen Entwicklung sind und man darf erst Recht nicht vergessen, wie unglaublich anstrengend die lange Integrationszeit bei den Rindern für die Hunde ist, da die Hunde da wirklich kontinuierlich auf Zack sein müssen, um drangsalierenden/übermütigen Rindern rechtzeitig aus dem Weg zu gehen. Kommt da dann noch anstrengende Herdenschutz-Arbeit hinzu, wie Wochenenden mit vielen Fremdhund-Spaziergängern, dichter Nebel mit viel Laufarbeit bei der Geländekontrolle, lustige Krähen, die sich einen Spass daraus machen, die Hunde zu ärgern oder wie  jetzt die noch neuen Ski-Langläufer, die den Hunden auch herdenschutztechnisch einiges abfordern, ist man schnell an einem Punkt, der die Hunde bei aller Leistungsbereitschaft noch überfordern kann.

Man merkt ihnen eine Überforderung daran an, dass die Reizschwelle fürs Bellen dramatisch absinkt und sie auf einmal in Situationen bellen, die sonst nur beobachtet werden oder die sonst überhaupt keine Rolle spielen. Dann sind sie völlig überreizt, hochgepusht und ähnlich wie kleine Kinder, die völlig überdreht sind und  getreu dem Motto „nach müde kommt blöd“ nicht mehr in der Lage, sich selbst die Ressourcen einzuteilen und auch wieder zur Ruhe zu kommen. Auch steigt dann die Häufigkeit von kleineren Auseinandersetzungen der Hunde untereinander drastisch an. Ebenso wie die Fehlerquote im Umgang mit den Rindern, weil dann weniger überlegt gehandelt wird und Fehler passieren, die auch mal bös enden könnten.
In solchen Momenten, mittlerweile an auffallend anstrengenden Tagen auch schon deutlich vor dem Stadium der völligen Überreiztheit, verschaffe ich den Hunden immer noch mal eine „Zwangspause“, die sie in der dem Pferdeoffenstall angrenzenden Scheune verbringen. In dieser Zeit miste ich dann, oder bin sonstwie draussen beschäftigt. Nach 1 – 2 Stunden sind die Hunde dann tatsächlich soweit „regeneriert“, dass ihr Nervenkostüm wieder stabil ist.

Da ich weiss, wieviel die Mc`s bereits Tag für Tag leisten und weil ich ebenfalls weiss, was eine dauerhafte Überforderung bei einem noch so jungen Hund anrichten kann, nehme ich da gern den vermeintlich längeren Weg in Kauf, in erster Linie den Hunden zuliebe, aber auch dem nachbarschaftlichem Verhältnis tut so etwas ganz gut.

Natürlich verbringe ich für dieses Projekt besonders viel Zeit damit, Hunde, Rinder und deren Interaktionen zu beobachten. Diese Zeit ist also nicht allgemeingültig für die Integration der Hunde bei den Rindern an sich.
Ganz ohne menschliche Initiative geht es aber natürlich auch nicht.
Je größer die Anforderungen an die Hunde durch das betriebliche Umfeld sind und sei es nur für jahreszeit-bedingte Anforderungen, z. B. durch Winterhaltung direkt am Hof, desto mehr Zeitaufwand für eine gute Menschen- und Umweltsozialisation sollte man einplanen.

Je mehr Anforderungen durch das Umfeld gestellt werden, wie hier bei uns durch die Lage der Flächen am Dorf und das sehr wechselhafte touristische Umfeld, desto mehr Sinn macht es, mit jungen Hunden anzufangen, die dann bei den Rindern noch etwas mehr Unterstützung benötigen, als bereits erfahrene erwachsene Hunde. Dafür allerdings sollte man dann auch eine gewisse Begeisterung für das Themenfeld Herdenschutz mit Hunden mitbringen, überzeugt von dem sein, was man tut und genügend Geduld, Humor und Verständnis für Hunde und Rinder aufbringen können.

Eine schnelle, unkomplizierte Lösung ist der Herdenschutz mit Hunden, bis auf einige wenige Ausnahmen mit Sicherheit nicht. Auch wird es bei Rindern nach bereits erfolgten Wolfsübergriffen noch einmal um einige Klassen schwerer werden, dort Hunde zu integrieren.

Wir hier haben mit Welpen und sehr temperamentvollen Rindern ein gutes halbes Jahr benötigt, um nun einen altersentsprechenden Herdenschutz zu haben und ein grundlegendes Zusammenleben von Rindern und Hunden möglich zu machen. Bis sich dieses Zusammenleben aber so weiterentwickelt, dass die Rinder die Hunde in wirklich allen Lebenslagen akzeptieren und Rinder und Hunde eine gut funktionierende soziale Lebensgemeinschaft entwickeln, wird es noch einige Zeit benötigen. Wir sind also noch nicht ganz „fertig“, auch wenn man davon ausgehen kann, dass Hunde und Rinder den Rest der weiteren Entwicklung eigenständig durchlaufen werden und der Zeitaufwand, der dabei für uns Menschen entsteht nun bereits deutlich geringer ist, als ganz zu Anfang.

Herdenschutz mit Hunden bei Rindern ist etwas, wofür eine deutliche  Voraufzeit für die Integration eingeplant werden muss. Leider spiegelt sich das in den derzeitigen Fördermöglichkeiten vieler Bundesländer in keinster Weise wieder.
Eher im Gegenteil werden grad für Rinderhalter Fördermaßnahmen erst nach mehreren bereits erfolgten Übergriffen auf Rinder in einer Region ausgerufen. Herdenschutzhunde sind nun mal keine Zäune, die bis zum Einsatz im Regal liegen, sondern Lebewesen, die beim Schutz der Herden Unglaubliches leisten.
Es wäre wünschenswert, wenn sich für den Einsatz von Herdenschutzhunden andere Fördermöglichkeiten finden liessen, die dem Einsatz bei Rindern gerecht werden und den Hunden weitaus bessere Startbedingungen verschaffen, als derzeit, wenn der Einsatz der Hunde erst dann akut wird, wenn die Wölfe bereits da sind und Erfahrungen mit Rinderrissen gemacht haben und die Hunde sich womöglich noch bei hochnervösen Rindern integrieren sollen, während sie gleichzeitig einen effektiven Herdenschutz bei akutem Wolfsdruck leisten sollen.
Gleiches gilt auch für den Einsatz von HSH an Schafen – beide Tierarten benötigen Zeit, um sich aneinander zu gewöhnen, entsprechend sollte die Förderung von Herdenschutzhunden eine gewisse Integrations- und Vorbereitungszeit berücksichtigen und rechtzeitig stattfinden.
„Prävenire“ bedeutet „zuvorkommen“ - demnach sollten so genannte Präventionsmaßnahmen den Wölfen dann auch bitte nicht hinterher hecheln. Sollte es irgendwann in ein paar Jahren dennoch weiß-bleibende Flächen auf den Wolfsverbreitungskarten geben, sind schlimmstensfalls ein paar HSH zuviel gefördert worden – dafür bestenfalls aber in anderen Regionen zahlreiche Nutztierrisse rechtzeitig verhindert worden. Grad in der Rinderhaltung sollte man beim Thema Herdenschutzhund auch berücksichtigen, dass der Einsatz der Hunde ein immer höheres Aufrüsten der Zäune ersparen kann und dass die HSH auch Zaunprobleme, z. B. Elektro-Zäune im Schnee ausgleichen können.

Ebenfalls wünschenswert wäre es, wenn es neben den zahlreichen Aufklärungs-Kampagnen zum Thema Wolf auch Bemühungen gäbe, die den Einsatz von Herdenschutzhunden auch der breiten Öffentlichkeit gegenüber als zu akzeptierende Maßnahme präsentieren und gesellschaftsfähig machen. Denn natürlich gibt es da ein breites Feld an Konfliktpotential, das bei hundeängstlichen Menschen anfängt, die sich in ihrer Freizeitgestaltung beeinträchtigt fühlen und bei nächtlichem Bellen der HSH noch nicht aufhört. Eine allgemeine, von „weiter oben kommende“ Aktzeptanzverbesserung wäre da für uns Tierhalter eine grosse Unterstützung.

Ich jedenfalls bin froh, dass wir den Schritt zum Herdenschutz mit Hunden bei unseren Rindern gewagt haben. Wir dachten ursprünglich, wir hätten sehr frühzeitig damit angefangen und hätten noch viel Zeit, bis es in Sachen Wölfen hier in Oberfranken richtig ernst wird. Aber mittlerweile häufen sich auch in Bayern die Wolfssichtungen und in 50 km Entfernung am TÜP Grafenwöhr scheint sich einiges zu tun, so dass wir wohl tatsächlich grad noch rechtzeitig mit den Hunden angefangen haben, um es den Hunden zu ermöglichen, sich in Ruhe mit den Rindern zu arrangieren und allmähliche, sich steigernde Herdenschutzerfahrungen machen zu können, bis es irgendwann wirklich ernst wird.

Dank McGee und McGyver können wir der weiteren Ausbreitung der Wölfe hier in der Region mittlerweile gelassen entgegen sehen und das ist ein Aspekt, der alles an Arbeit und Zeitaufwand, was wir bisher dafür geleistet haben, um ein Mehrfaches aufwiegt.

McGee
McGyver

Bericht und Fotos: Chris Homburg, Wild-Bunch-Ranch, 95493 Bischofsgrün

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