Kühe und Pferde von Wölfen bedroht?
01.06.2010 - Zwei Angriffe von Wölfen des Welzoer Rudels auf eine Herde Mutterkühe Anfang Mai, wobei mehrere Kälber getötet wurden, sorgte in den vergangenen Wochen für heftige Diskussionen. Dabei ist das Erstaunliche daran nicht, dass es zu diesen Angriffen kam. Sondern es überrascht, dass zehn Jahre lang kein einziges Kalb oder Rind zu Schaden kam. Bislang wurden nur Risse von Schafen, Ziegen und in zwei Fällen von Gehegewild bekannt. "Es war absehbar, dass soetwas irgendwann passiert", sagt Ilka Reinhardt vom Wildbiologischen Büro LUPUS auf Nachfrage des Freundeskreises Freilebender Wölfe e.V. Wenn über Wochen und Monate Kühe auf der Weide ihre Kälber gebären, bekommen Raubtiere wie Fuchs und Wolf natürlicherweise davon Wind. Vor allem die Nachgeburt lockt mit ihrem blutigen Geruch Raubtiere an. Viele Wildtiermütter fressen sie deshalb sofort auf, was bei Kühen aber eher selten vorkommt.
Füchse wurden schon oft dabei beobachtet, wie sie Nachgeburten fraßen. "Es ist nicht erstaunlich, dass sie es nicht dabei belassen", so Reinhardt. Und was Reineke schafft, ist für Isegrim schon gar kein Problem. In der Regel sorgt allerdings die Mutterkuh dafür, dass ihrem Kalb kein Raubtier zu Nahe kommt - was wohl der Hauptgrund ist, weshalb Angriffe auf Kälber relativ selten passieren. Fleckvieh allerdings, die Rinderrasse der angegriffenen Herde, hat offenbar den natürlichen Instinkt, ihre Jungen zu verteidigen, bereits verloren.
Was muss getan werden? Dort, wo bereits Herden angegriffen worden sind, sollte das entsprechende Bundesland unbedingt Schutzmaßnahmen fördern. Empfohlen werden E-Drähte bzw. Litzen in 20, 40, 60, 90 und 120 cm Bodenabstand mit 4000 bis 5000V. Der Schutz sollte zumindest während der Abkalbezeit gewährleistet sein.
Herdenschutzhunde, die sich bei Schafen sehr bewährt haben, könnten auch Kuhherden schützen - vorausgesetzt allerdings, wenn sie von Fachkundigen auf Rinder sozialisiert worden sind. Da solche Hunde jedoch auch in den Nachbarländern nur sehr selten eingesetzt werden, gibt es bislang wenig für Rinderherden geeignete Schutzhunde.
Pferdehalter fragen sich jetzt besorgt, ob die Grauen nun auch irgendwann auf den Geschmack von Pferdefleisch kommen. Auszuschließen ist auch das nütürlich nicht - wenn auch die Wahrscheinlichkeit eines Angriffs eher noch kleiner ist als bei Kuhherden. Stuten gelten als erbitterte Verteidiger ihrer Fohlen, was wahrscheinlich der Hauptgrund ist, warum es bislang nicht zu Verlusten gekommen ist. Die Erlebniswelt Terra Nova bei Elsterheide in der Lausitz liegt am Rande eines Wolfsreviers. Dort werden Przewalski-Pferde gehalten. Obwohl Wölfe dort im Jahr 2008 eine Ziege töteten, kam es bislang noch nie zu Angriffen auf die Pferde. Trotzdem sollten Pferdehalter in Wolfsregionen zur Fohlenzeit dafür sorgen, dass die Jungen nicht außerhalb des Zauns gelangen können, wo die Muttertiere sie nicht erreichen können. Gleiches gilt für Kälber.
Prophylaktischer Schutz bei Pferden und Rindern bietet sich jedoch nicht an, weil der Aufwand sehr groß ist, die Wahrscheinlichkeit eines Angriffs im Vergleich zu Schafen aber eher klein. Jens Teubner vom Landesumweltamt Brandenburg hält ebenfalls eine Einzäunung mit Euronetzen auf den großen Flächen der Rinderhaltung für undurchführbar. Mutterkuhherden in Wolfsregionen jedoch, so empfiehlt auch er, sollten mit Litzen - wie oben angegeben - geschützt werden.
Der Vorfall zeigt wieder einmal, wie wichtig es ist, dass die Politik rechtzeitig Vorsorge trifft. In Sachsen sind auch Schäden an Großtieren wie Pferde und Kühe geregelt - in Brandenburg, wo die Risse stattfanden, waren sie es bislang nicht. Die bei Proschim betroffenen Landwirte werden jedoch entschädigt werden, teilte das Landesumweltamt mit.
Die Diskussion um die getöteten Kälber in Brandenburg nimmt der Freundeskreis Freilebender Wölfe e.V. zum Anlaß, das Thema Herdenschutz zukünftig noch stärker als bisher in seine beratende und aufklärende Arbeit aufzunehmen.


