Die ersten fünf Wochen - Projekt "Herdenschutzhunde bei Rindern"

13.06.2016 - Der Freundeskreis freilebender Wölfe e.V. und der Verein für arbeitende Herdenschutzhunde e.V. übergaben am 5. Mai 2016 in der Schäferei Wümmeniederung die zwei Kangalwelpen für das Projekt "Herdenschutzhunde bei Rindern". Frau Chris Homburg von der Wild-Bunch-Ranch aus Bischofsgrün berichtet nun über die Erfahrungen aus den ersten fünf Wochen.

Die ersten fünf Wochen

Wie zu erwarten war, ist es deutlich langwieriger, die Rinder an die Hunde zu gewöhnen, als andersrum. Nach den Erfahrungen von dem Schweizer Florian Wenger, der den Vortrag „HSH bei Mutterkühen“ gehalten hat und auf seinem Betrieb für die Vergesellschaftung von Hunden und Rindern mit erwachsenem Hund etwa 6 Monate benötigte, haben wir uns aber auch bereits im Vorfeld darauf eingerichtet, dass dieses Projekt Zeit und vor allem Geduld in Anspruch nehmen wird, noch dazu, da unsere Hunde Welpen sind.

Die Rinder, besonders die einjährigen Jungrinder, waren  sehr aufgeregt und übermütig, die Mutterkühe dagegen relativ gelassen, bei den ersten Sichtungen der Hunde (noch hinter dem Zaun). Entsprechend war zunächst mal überhaupt nicht daran zu denken, Welpen und Rinder ohne Sicherungszaun dazwischen Kontakt aufnehmen zu lassen. Das wäre schlichtweg zu gefährlich gewesen für die Hunde.

Unsere Rinder werden ganzjährig auf Grünland gehalten, das direkt an unseren Hof und somit auch an das Dorfgebiet angrenzt. Die Rinder haben als Wetterschutz eine mobile Weidehütte, die derzeit etwa 350 Meter vom Hof entfernt ist. An der Weidehütte der Rinder gibt es eine Art Paddock (Sammelraum) mit Panel-Elementen, allerdings sind diese Elemente für die Welpen nicht durchschlupfsicher. Also wurden Steckfix-Horden (die wiederum für die Rinder wegen der hochragen seitlichen Stangen nicht geeignet sind) auf der Hunde-Seite an den Panels befestigt und nachdem die Welpen uns gezeigt haben, dass sie auch da durchkrabbeln können, kamen noch Gitterelemente in die Mitte. Das hat dann funktioniert und es entstanden auf der Vorder- und Rückseite der Weidehütte Kontaktzonen, an denen sich ohne E-Zaun dazwischen ausgiebig beschnuppert und gegenseitig beobachtet werden konnte.

Anlage Weidehütte mit Kontaktzonen
Kontaktzonen

Der Rest des Hunde-Areals neben der Weidehütte war zunächst mit Schafsnetz eingezäunt – unsere Rinder kannten die Netze bereits (sonst hätten wir einfach eine Reihe Litze mit etwas Abstand zum Netz davor gezogen) und die Hunde kannten die Netze ja ebenfalls aus ihrem Herkunftsbetrieb  und respektieren diese so gut, dass sie auch alles Netz-ähnliche (unbestromte Knotengitter oder Bauzaun aus Kunststoff)  respektieren.

Anfangs war ich wirklich sehr viel dabei – unmittelbar, aber auch nur in der Nähe, denn unsere Welpen haben ja keinen erwachsenen Hund an ihrer Seite, entsprechend brauchen sie noch eine gewisse Unterstützung, bzw. jemandem, an dem sie sich orientieren können.
Neben der „Bewertung“ von Ereignissen in der Umwelt (Spaziergänger, Autos, Geräusche), bei denen man mit der eigenen Entspanntheit signalisieren kann, dass diese „ok“ und auch nicht anbellwürdig sind (mittlerweile haben wir da das „Paßt schon“ als Rufzeichen etabliert), hilft das eigene Vormachen, den Hunden auch bei den Rindern.  
In den ersten Tagen war ich auch viel auf der Rinderseite des Zaunes, damit die Hunde sehen konnten, dass die Rinder so schlimm nun auch nicht sind.
Im Verlauf haben wir die Zeiten, in denen die Hunde  allein in ihrem Areal bei den Rindern sind, immer etwas weiter ausgedehnt, schauen aber dennoch häufig nach ihnen, u. a. auch, um günstige Gelegenheiten für besondere Kontakte unter den Tieren nutzen zu können. Auch kann man von Haus und Hof aus alles per Fernglas im Blick behalten.

Lernen durch Zuschauen

Diese Hunde lernen unglaublich viel durch Beobachten und Zuschauen (allerdings auch Dinge, die sie gar nicht lernen sollten.....da muss man also aufpassen, was man ihnen vormacht).
 
Obwohl die Welpen wirklich grossen Respekt vor den Rindern haben, suchen sie immer wieder den Kontakt und die Nähe zu den Rindern.

an der Kontaktzone
Jungrind Bingo ist der Ruhigste vom Jungvolk, entsprechend sind da die Berührungsängste am geringsten
Hundepause
ab und an gibt’s etwas Nachhilfe durch ein paar Hunde-Leckerlis, damit die Rinder in Ruhe schauen können (Kanne Ferment-Getreide eignet sich da für beide Tierarten)

Wenn einer von uns dabei ist, öffnen wir an der Kontaktzone das Tor, so dass nur die Steckfixhorde zwischen den Tieren ist. Sind wir nicht da, ist das Tor geschlossen und entsprechend durchschlupfsicher.

Soweit ihr Hundeareal es zuliess, sind die Hunde den Rindern gefolgt, wenn diese zum Weiden abmarschiert sind.

die Hunde suchen die Nähe der Rinder und beobachten sie
anders herum genauso

Dieses gegenseitige Beobachten ist unglaublich wichtig – die Rinder haben ein Weilchen gebraucht, bis sie nicht mehr bei jedem Rennen oder Spielen der Welpen aufgesprungen und an den Zaun galoppiert und gebuckelt gekommen sind und die Hunde haben so reichlich Gelegenheit, die oft übermütigen Rinder zu beobachten, ohne unmittelbar gefährdet zu sein.

Problematisch war allerdings, dass das Hunde-Areal mit den Schafsnetzen nicht die ganze Weidefläche entlang führte und so die Rinder zeitweise auch komplett ausser Sicht waren. Als die Hunde dann einen deutlichen Größensprung hinter sich hatten wurde das Schafsnetz dann auch durch Litzenzaun ersetzt.  Vorher hätten sie beim spielerischen Rumkullern schlicht noch unter der untersten E-Zaun-Litze durchkullern können. Dieser Litzenzaun führt nun die ganze Weidefläche seitlich entlang, so dass die Hunde mit den Rindern mitlaufen können.
Auch der Litzen-Zaun wird absolut respektiert – da gab es, weil der nun mal anders aussieht, als ein Schafsnetz für jeden Hund genau einen Kontakt mit, dann war das Thema durch.

während die Mutterkühe recht gelassen sind, kommt das Rinder-Jungvolk noch gern an den Zaun geprescht, diese Momente habe ich aber bisher nie erwischt mit der Kamera, diesmal auch nicht
riesengroße Neugier
von beiden Seiten
so sieht das von meinem Beobachtungs-Punkt im Haus aus, wenn die Hunde allein bei den Rindern sind (mit Fernglas sieht man allerdings mehr), die Hunde laufen auch da mit den Rindern mit

Rinder und Hunde sind nicht jeden Tag gleich gestimmt – entsprechend erlebt man Tage, an denen alles „fluppt“ und man einen grossen Schritt weiterkommt, aber eben auch Tage, an denen nicht viel an Interaktionen passiert, weil die Rinder z. B. wegen der Bremsen unleidlich und unruhig sind und die Hunde dann zu grossen Respekt vor ihnen haben, um Kontakt aufnehmen zu wollen. Aber auch das ist eine wichtige Lernerfahrung für die Hunde.

An guten Tagen, wenn die Rinder nicht zu übermütig sind,  nutzen wir sich anbietende Gelegenheiten, um einen unmittelbaren Kontakt von einzelnen Tieren herzustellen. Da darf dann z. B., wenn alle Rinder zum Wiederkäuen liegen, erst der eine der Hunde, dann der andere mit in den Panel-Paddock und mal ohne Zaun dazwischen Kontakt aufnehmen.

Mutterkuh Fanni und McGyver

Aber auch an den Kontaktzonen werden die Kontakte ausgeprägter und intensiver.

Jungrind Bingo (der den Hunden gegenüber ruhigste von den Dreien) und McGee
Jungrind Finn, McGee und McGyver

Heute aktuell waren McGee und unsere Leitkuh Brauni zusammen im Panel-Paddock. Brauni ist sehr gelassen den Hunden gegenüber, kannte Hunde aber auch im Vorfeld grundsätzlich schon. Brauni hat McGee in der Light-Version beigebracht, wie eine Kuh einem Hund klar macht, dass er jetzt Abstand halten soll und ihren Kopfstoß auf Distanz nur langsam und angedeutet ausgeführt, ähnlich, wie die Kühe es bei den noch unbedarften Kälbern anfangs gemacht haben. Die „Dosis“ war genau richtig, McGee ist auf Abstand gesprungen, ohne zu ängstlich zu reagieren. So ein vierbeiniger Hundetrainer ist Gold wert. Leider ist Brauni zum Fressen gegangen, ehe auch McGyver üben konnte, aber das kommt auch noch.

Von den Momenten, in denen es nicht so gut läuft, hat man in der Regel keine Fotos, weil man da auf die Tiere konzentriert und auf dem Sprung ist, um ggf. eingreifen zu können, deshalb darf man sich als von Aussen Betrachtender jetzt bitte nicht dazu verleiten lassen, zu denken, dass nun schon alles immer rund läuft. Das tut es (noch) nicht. Vor allem das Rinderjungvolk hat da schon noch seine explosiven Momente und einem stürmisch-aufdringlich-bollerigem Rind oder gar dem ganzen Pulk auf einmal  sind die Welpen mental einfach noch nicht gewachsen.
Etwas wohlgesonnere Übungspartner haben die Hunde in unseren Ponys, die sie beim Kennenlernen des sonstigen Hoflebens natürlich auch kennenlernen durften  – dort können sie schon ein wenig mitlaufen und die Ponys machen verhalten, aber dennoch deutlich klar, wenn die Welpen sich daneben benehmen, ohne dass man Verletzungen befürchten muss.

mit den Ponys klappt auch der Nahkontakt schon sehr gut
Welpis Antwort auf fast alle unklaren Lebensfragen
das Jungvolk kommt angedonnert
aber auch die Mutterkühe können ganz schön rumbuckeln

Es sind bei allen Auf und Abs regelmäßige, wenn auch manchmal nur kleine,  Fortschritte zu erkennen – die Rinder nehmen die Hunde als immer selbstverständlicher hin, auch wenn die Welpen mal in den Welpen-Wahnsinn verfallen, um die Wette rennen oder sich aus Rindersicht sonstwie merkwürdig aufführen und die Hunde lassen immer wieder erkennen, wie sehr sie den Kontakt zu den Rindern suchen und dass sie auch aus dem Beobachten sehr viel lernen. Wir sind mit der bisherigen Entwicklung sehr zufrieden und machen in aller Ruhe und so, wie beide Tierarten es anbieten, weiter. Mit das Wichtigste dürfte dabei sein, dass man niemanden, auch sich selbst nicht, unter Druck setzt oder setzen läßt.

links McGee, rechts McGyver

Bericht und Fotos: Chris Homburg, Wild-Bunch-Ranch, 95493 Bischofsgrün

Nach oben