2. Bericht Projekt "Herdenschutzhunde bei Rindern"

24.08.2016 - Im Mai 2016 wurden die Kangalwelpen McGee und McGyver vom Freundeskreis freilebender Wölfe e.V. und dem Verein für arbeitende Herdenschutzhunde e.V. für das Projekt "Herdenschutzhunde bei Rindern" an die Wild-Bunch-Ranch in Bischofsgrün übergeben. Nun sind die Hunde sechs Monate alt - Zeit für einen weiteren Bericht.

Das, was sich wie ein roter Faden durch die Erfahrungen der letzten Wochen zieht, ist: Die Rinder sind es, die sehr viel Zeit brauchen, um die Hunde in allen Lebenslagen zu akzeptieren. Die Hunde meistern ihren Teil dieser Aufgabe mit großem Geschick, unglaublichem Einfühlungsvermögen und sind mittlerweile mit etwa 6 Monaten sowohl körperlich, als auch „mental“ viel besser in der Lage adäquat auf die Rinder zu reagieren. Die Hunde beweisen immer wieder eine sehr rasche Auffassungsgabe und ihr Lernvermögen im Umgang mit den Rindern ist einfach nur faszinierend. Durch die Vergleichsmöglichkeiten, die wir im Umgang Hunde-Pferde und Hunde-Rinder haben, fällt es besonders auf, wie sehr sich die Hunde auf die jeweilige Tierart einstellen können. Während die Hunde sich bei den Pferden sehr ungezwungen bewegen können und im Pferdeauslauf auch mal spielen und toben, verhalten sie sich beim unmittelbaren Kontakt mit den Rindern ganz anders. Sie bewegen sich überwiegend im Schritt oder liegen an strategisch günstigen Positionen, weil die Rinder sich durch zu rasche Bewegungen der Hunde noch beunruhigen/animieren lassen. Auch sind die Pferde deutlich mehr an einer gegenseitigen freundlichen Kontakt-Aufnahme interessiert als die Rinder, von denen im Moment ausser der Frage, mit wem sie es da zu tun haben, keinerlei sonstigen Versuche der freundlichen Kontaktaufnahme stattfinden.

Dahingehend war unser bisheriges Konzept, die Welpen noch durch Zaun getrennt, aber neben den Rindern zu halten, zur langsamen Gewöhnung ganz angebracht, um den Rindern die Zeit zu geben, die sie offensichtlich benötigen.

So konnten die Rinder sich allmählich und über einen längeren Zeitraum an die Bewegungsmuster und das Verhalten der Hunde gewöhnen, ohne dass die zu dem Zeitpunkt oft noch unbedarften Welpen gefährdet gewesen wären. In Momenten wie diesem in der Bilderserie ist man doch sehr froh um den schützenden Zaun zwischen Jungochse und Hund:

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Aber man kann auch da schon sehen, dass die Hunde bereits im Welpenalter eine recht rasche Auffassungsgabe gezeigt haben – wenn wegrennen auf zu großer Fläche nämlich nichts bringt, weil das Rind (noch) schneller ist, muss man die Situation anders lösen, nämlich durch plötzliches Abstoppen, was das Rind aus dem Konzept bringt und die Situation auflöst.
Mittlerweile sind die Hunde zwar immer noch sehr jung, aber doch schon deutlich gereifter und somit konnten wir nach den ersten Einzeltierkontakten allmählich einen Schritt weitergehen.

In einem räumlich recht begrenzten Areal mit Deckungsmöglichkeiten für die Hunde fanden dann die ersten längeren freien Kontakte zwischen den Hunden und unserer Leitkuh statt. Da das Hundeareal an der Weidehütte sowieso mal abgeweidet werden musste, bot sich das als Übungszone an. Der mobile Hunde-Hänger als Hütte und diverse andere Gegenstände wurden dabei als Deckungs-Möglichkeiten herangezogen.

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Die beiden Mutterkühe „dulden“ die Hunde momentan nur in ihrem Umfeld, ohne aber Attacken auf die Hunde zu starten. Viel mehr als ein Dulden ist es aber wirklich (noch) nicht, die Kühe bestehen auf ihrer Wohlfühl-Distanz von einigen Metern zu den Hunden und setzen diese auch durch Drohverhalten durch. Halten die Hunde den Abstand zu den Kühen ein, können sie sich aber bereits recht ungezwungen bewegen und die Kühe nehmen auch Herdenschutz-Aktionen in Form von zum Zaun rennen, Bellen und am Zaun entlang rennen durch die Hunde recht gelassen hin. Die ersten Male waren die Kühe dabei noch deutlich irritiert – mittlerweile scheinen die Kühe den Zusammenhang aber verstanden zu haben und fressen nach einem kurzen Blick auf den Auslöser einfach weiter, wobei sie den Hunden den Raum am Zaun nicht blockieren. Das ist ein weiterer sehr spannender Aspekt in der Interaktion zwischen den Rindern und den Hunden.

Ebenfalls sehr faszinierend ist die Beständigkeit, mit der die Hunde immer wieder eine freundliche Kontaktaufnahme zu den Rindern versuchen, wobei die Rinder den Hunden da wirklich nichts schenken und entweder mit moderatem  Abwehrverhalten (Kühe) oder bollerig-neugieriger Penetranz (Jungochsen) reagieren. Ein einfaches freundliches „hallo, wer bist denn Du?“ im übertragenen Sinn ist da eher nicht zu erwarten. Auch da ist unser „nebeneinander-Konzept“ noch recht hilfreich, denn so können die Hunde wenigstens an den Kontaktzonen ihrem Bedürfnis nach freundlicher Kontaktaufnahme nachgehen, ohne dass die Jungochsen da ein „der tut nix, der will nur spielen“  auf Rinderart aufführen.

Auf begrenztem Areal mit Deckungs-Möglichkeiten für die Hunde klappt es aber nach und nach und in noch ruhigen Phasen auch mit den Jungochsen allmählich immer besser, auch da leisten die Hunde wirklich viel,  indem sie es aushalten, wenn die Jungochsen an ihnen herum-schnuppern, dabei immer mal einen Hopser zurück machen, wieder angesprungen kommen und weiter schnuppern. Das gibt dann immer mal wieder einen „Huch-Effekt“ und auch da zeigt sich die unglaubliche Bereitschaft der Hunde, sich mit ihrer zu beschützenden Tierart zusammenzuraufen immer wieder aufs Neue.

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Was mit den Jungochsen noch nicht klappt, sind irgendwelche Aktivitäten von Seiten der Hunde. Im Kontakt mit den Jungochsen müssen die Hunde sich derzeit noch überwiegend passiv verhalten, dürfen sich nur im Schritt bewegen, um die Jungochsen nicht zu mutwillig-spielerischen Attacken zu bewegen und müssen oft die Deckung aufsuchen, um Situationen zu entschärfen, die sonst ins Brenzlige umschlagen könnten. Auch das ist eine enorme Leistung für noch so junge Hunde.

Beim Zusammensein aller Rinder mit den Hunden im noch sehr begrenzten Areal muss ich also unbedingt die Umgebung im Auge behalten, weil Herdenschutz-Aktivitäten durch die Hunde mit den typischen Aktionen (Bellen, Rennen)  die Jungochsen zur Zeit noch zu Dummheiten verleiten würden. Das wäre momentan noch eine Nummer zu gross.

Die Zeiten am Tag bei den Rindern im unmittelbaren Kontakt zu diesen, sind sehr anstrengend für die Hunde und fordern ihnen sehr viel Konzentration ab.  Dazwischen brauchen sie unbedingt Pausen im „sicheren“ Hunde-Areal, in denen sie entspannt ruhen können und sie müssen zwischendurch auch ungezwungen spielen und toben, auch einfach Hund sein dürfen.

Einige Male haben wir in der Zwischenzeit auch schon Wiederkäu-Phasen der Rinder auf ihrer großen Weidefläche für Kontakte genutzt. Da werden die Jungochsen allmählich sichtlich ruhiger – anfangs sind sie jeweils aufgesprungen, wenn die Hunde auf der Weidefläche waren, mittlerweile bleiben sie liegen und sind deutlich entspannter, auch wenn die Hunde zwischen den Rindern rumschlendern oder sich in der Nähe der Rinder hinlegen.

Da die Deckungsmöglichkeiten im Hunde-Areal auf Dauer nicht stabil genug für die Rinder sind, richten wir gerade eine der Flächen so her, dass die Hunde dort neben Anhängern und Ladewagen noch andere Deckungsmöglichkeiten und vor allem eine absolut rinder-sichere Zone zum Ausruhen haben.

Neben der Integration der Hunde bei den Rindern haben wir ja eine zweite Herausforderung zu bewältigen. Nämlich den Einsatz von Herdenschutzhunden in dörflicher Randlage in einer Tourismus-Region. Unser Hof liegt unmittelbar neben einem Anbieter von Ferienwohnungen mit entsprechend häufig  wechselnder Gäste-Besetzung. Deshalb legen wir grossen Wert darauf, dass die Hunde das nachbarschaftliche Umfeld unseres Hofes gut kennenlernen und als normal akzeptieren. Eine gute Sozialisation auf Menschen ist deshalb für uns hier eine wichtige Voraussetzung. Unser Konzept, den Hunden besonders in der Anfangszeit dabei zu helfen, verschiedene Situationen zu „bewerten“ scheint bisher sehr gut aufzugehen. Das „Bewerten“ durch uns beschleunigt das Ganze ein wenig und hat ihnen grad als noch unerfahrene Welpen deutlich weiter geholfen  – die Hunde zeigen aber mittlerweile auch die Tendenz, dass sie sich mit wiederkehrenden Situationen immer besser  auch eigenständig auseinandersetzen und ihre „Schlüsse“ daraus ziehen und auf ähnliche Situationen übertragen können.
Wie sich das Ganze mit zunehmendem Schutz- und Wachtrieb entwickeln wird, bleibt abzuwarten. Bisher sieht die Entwicklung sehr gut aus.

Ebenfalls wichtig für andere HSH-interessierte Rinderhalter ist sicher die Elektro-Zaun-Akzeptanz der Hunde. Die Schafsnetze und alle anderen Zäune, die auch nur so aussehen wie Schafsnetze (Knotengitter, Baustellen-Zaun) wurden bisher problemlos von den Hunden akzeptiert – so problemlos, dass eine Feldlerche in diesem kleinen Kunststoff-Zaun im Hunde-Areal in aller Ruhe ihr Gelege ausbrüten konnte, lediglich, als die Jungvögel flügge geworden sind, haben wir das Hunde-Areal für einige wenige Tage ausser Betrieb genommen:

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Mit dem E-Zaun (unser Aussen-Zaun besteht derzeit aus 7 Reihen Glattdraht/Seil/Litze)  sind wir bei Innen-Zäunen zwischen Rindern und Hunden  zur Zeit bei 3 Reihen, hinter denen die Hunde (die Rinder sowieso) zuverlässig bleiben. Die Reihen liegen an den Innen-Zäunen der Hunde-Areale entlang der Weidefläche bei 30, 50 und 80 Zentimetern. Aber 2-reihig in an die Hunde angepasster Höhe klappt auch schon – wichtig ist, dass eine der Reihen etwa in Brusthöhe der Hunde verläuft, damit sie auf jeden Fall, auch in brenzligen  Situationen im Blickfeld der Hunde ist.

Die größte Herausforderung waren bisher die E-Zaun-Weide-Tore, da der Respekt der Hunde vor dem E-Zaun sehr gross ist und sie ungern durch diese Tore gehen wollten, noch dazu, wenn diese Tore beim Öffnen in Bewegung sind.
Für Tor-Durchquerungen aller Art gibt es im Vorfeld ein „Warte“ und nach dem Öffnen des Tores ein „ok“, so klappt das Durchqueren von E-Zaun-Toren mittlerweile gut.
Für Hunde-Schlupfe an den festen Zwischen-E-Zäunen der Koppeln, die der Erreichbarkeit der Flächen vom Hunde-Areal aus dienen, aber auch den Hunden ein Verlassen der Fläche zur Deckung möglich machen sollen,  haben wir mittlerweile angefangen, dort die unteren Reihen E-Zaun zu entfernen und Querbalken einzusetzen, so dass die Hunde an diesen Stellen durchschlüpfen können, ohne die Akzeptanz vor dem E-Zaun zu verlieren.

Die Herdenschutz-Aktivitäten der beiden Hunde entwickeln sich altersentsprechend auch sehr schön – neben dem gezielten Erkunden des Weide-Areals, inklusive der Tretminen am Zaun und flüssigen Markierungsarbeiten, wird auch die Umgebung schon sehr gut im Auge behalten. Sich normal verhaltende Spaziergänger werden momentan nur beobachtet, gelegentlich gibt es ein kurzes Anschlagen, wenn die Spaziergänger erst nur hörbar, aber noch nicht in Sicht sind oder sich irgendwie ausserhalb der Norm verhalten.

Bei Hunden, Wildschweinen und Füchsen wird schon deutlich vehementer, immer aber auch bereits situativ angemessen und in entsprechenden Abstufungen (je nach Verhalten, Distanz, Sicht- oder Hörbarkeit und auch Tageszeit)  vorgegangen.

Da die Hilfestellungen durch uns Menschen eine gewisse Gratwanderung sind, ziehen wir uns  bei so etwas im bereits normal gewordenen Alltag  immer mehr zurück, was die Hunde ebenfalls sehr gut annehmen. In vielen Situationen können sie bereits auf gemachte Erfahrungen aufbauen und ich habe den Eindruck, dass ihnen unsere vorangegangenen Hilfestellungen dabei ein Vorteil sind. In gänzlich neuen Situationen, wobei unser Vorteil natürlich die Lage in Hörweite des Hofes ist, so dass wir Vieles mitbekommen können, bekommen die Hunde aber weiterhin b. Bd. ein wenig Unterstützung.

McGee und McGyver sind mit 6 Monaten immer noch sehr junge Hunde, die vieles für ihre spätere Tätigkeit bereits mitbringen, die aber wie alle anderen jungen Hunde auch, die ganz normalen Entwicklungsphasen von Junghunden durchmachen, so auch die typischen Unsicherheitsphasen, in denen auch bereits Bekanntes doch noch mal zu Unsicherheiten führen kann. Diese Phasen haben wir mit einer deutlichen Rücknahme der Anforderungen und ein wenig mehr an Hilfestellung durch uns gut überbrücken können. McGyver hat die Unsicherheitsphase, auch spooky period genannt, in nur sehr gemäßigter Form durchlaufen, bei ihm konnte man lediglich eine deutliche Herabsetzung der Reizschwelle in Sachen allgemeinem Bellverhalten merken, bei McGee hat sich diese Phase wesentlich stärker bemerkbar gemacht, indem er die Rinder bei deren Annäherungen aus Unsicherheit verbellen wollte und der gesunde Respekt vor den Rindern deutlich größer war als bisher und in Meide- und Fluchtverhalten umzuschlagen drohte.. Beides ist im Umgang mit den Rindern eher kontraproduktiv, da diese sich durch das Bellen und auch Weglaufen noch viel eher dazu animiert gefühlt hätten, hinterherzulaufen und Dummheiten zu machen  – deshalb wurde McGee in dieser Phase etwas mehr Abstand zu den Rindern ermöglicht, das Bellen durch ein Abbruchkommando unterbunden und gleichzeitig ruhiges Verhalten von ihm den Rindern gegenüber und auch jede Wieder-Annäherung an die Rinder per Lob bestätigt. Damit konnten wir diese Phase recht gut überbrücken und mittlerweile hat sich McGees Verhalten den Rindern gegenüber wieder normalisiert.

Mit der bisherigen Entwicklung sind wir sehr zufrieden, gespannt sind wir auf den nächsten Weidewechsel, wo die Hunde dann mehr Deckungs-Möglichkeiten haben und dann auch unmittelbaren Zugang zu ihrem sicheren Areal haben, das leider nicht so mobil ist, um es immer mit auf die grad begangene Weidefläche nehmen zu können.

Bis hin zum ständigen, unmittelbaren Zusammenleben von Rindern und Hunden in allen Lebenslagen und bei allen Herden-Aktivitäten, wird es noch ein wenig dauern, aber die bisherigen Fortschritte hinterlassen einen guten Eindruck. Die Gewöhnung der Rinder an die Hunde braucht ihre Zeit und diese Zeit wird den Tieren gegeben. Durch Schaffung von günstigen Umständen kann man dabei die Entwicklung in kleinen Schritten voranbringen und auch die körperliche und mentale Weiterentwicklung der Hunde macht jetzt Einiges möglich, was vor ein paar Wochen so noch nicht machbar gewesen wäre. Die Leistung der jungen Hunde bei dieser Integration ist immer wieder beeindruckend.

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McGyver
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McGee

Bericht und Fotos: Chris Homburg, Wild-Bunch-Ranch, 95493 Bischofsgrün

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