Das Märchen vom Alpha Wolf

David L. Mech, International Wolf Winter 2008  (www.wolf.org)
frei aus dem Amerikanischen von B. Stoepel

Der Begriff Alpha im Zusammenhang mit Wölfen hat eine lange Geschichte. Jahrzehntelang wurde in Büchern und Berichten von Alpha Männchen, Alpha Weibchen oder Alpha Paaren geschrieben. Populärwissenschaftliche Schriften benutzen den Begriff sogar heute noch. Aufmerksame Beobachter jedoch werden festgestellt haben, dass sich dieser Trend in den letzten Jahren abgeschwächt hat. In einem 2008 in der Fachzeitschrift Journal of Wildlife Management veröffentlichten Bericht: „Folgen von Elternverlusten bei Wölfen“, von 19 bekannten Wolfswissenschaftlern geschrieben, taucht der Begriff „Alpha“ nicht ein einziges Mal auf. In dem 448-Seiten starken Buch „Wolves – Behavior, Ecology and Conservation“, herausgegeben von David Mech und Luigi Boitani und von 23 Autoren geschrieben, wird das Wort „Alpha“ nur an sechs Stellen verwendet – und auch dort lediglich, um aufzuzeigen, warum der Terminus veraltet ist. Was bedeutet das?

Die Wandlung in der Terminologie spiegelt einen Wandel in unserem Wissen über das wölfische Sozialverhalten wider. Früher sah man ein Wolfsrudel als eine Gruppe von Tieren mit einem „Top-Dog“, also einem Leitwolf, der sich den Weg nach oben durch aggressive Auseinandersetzungen mit den anderen erkämpft hat. Heute wissen die Wissenschaftler, dass die meisten Wolfsrudel einfach Familien sind, die genauso organisiert sind wie die Familien bei uns Menschen. Heranwachsende Wölfe beiderlei Geschlechts aus verschiedenen Rudeln wandern ab und streifen solange umher, bis sie einander und ein noch von Wölfen unbesetztes, aber beutereiches Territorium gefunden haben. Dann paaren sie sich und zeugen ihren eigenen Nachwuchs.

Manchmal umwirbt ein Jungrüde eine junge Fähe aus einem benachbarten Rudel ,und die beiden gründen ihr Revier in enger Nachbarschaft zu den elterlichen Territorien. Wo die Wolfsdichte höher ist, wandern die Tiere auch kilometerweit bis an den Rand der von Wölfen besiedelten Region und treffen dort auf einen ebenfalls „ausgewanderten“ Partner.

Durch dieses Verhalten breitet sich eine wachsende Wolfspopulation aus. Ein gutes Beispiel ist die Population in Wisconsin. Nicht nur, dass die Hauptpopulation im Norden des US-Bundesstaates immer wieder wächst, indem die Wölfe ringsum neue Reviere besiedeln und Rudel gründen. Weil aber einige Tiere weiter abgewandert sind bis in die Mitte von Wisconsin, haben es die Wölfe geschafft, auch dort eine weitere Population zu gründen, die ebenfalls wächst. Derzeit leben über 18 Wolfsrudel in Wisconsin.

Aber zurück zur Familie. Wenn ein junges Paar seine Jungen großzieht, füttert es sie und kümmert sich um sie, wie andere Tierfamilien auch. Wachsen die Welpen heran, steuern die Eltern natürlicherweise deren Verhalten, und die Jungen folgen ihnen. Im Herbst fangen die Jungen an, die Eltern zu begleiten und entfernen sich von der Wurfhöhle und dem Rendezvous-Platz. So lernen sie das Revier kennen. Die Eltern nehmen dabei automatisch die Führungsrolle ein. Diese Führungsrolle geht aber überhaupt nicht mit Machtkämpfen einher. Wie in einer menschlichen Familie richten sich die Jungen ganz von alleine nach den Eltern.

Während sie sich weiterentwickeln, werden die Jungen allmählich immer selbständiger. Einige streunen dann gelegentlich auch abseits vom Rudel umher, erkunden dies und das entlang der Wanderwege. Dennoch führen die Eltern nach wie vor das Rudel an: Sie sind es, die jagen, das Revier markieren, Aasfresser von ihren Rissen vertreiben oder ihre Familie gegen benachbarte Rudel verteidigen.

Wenn die Jungen ein Jahr alt sind, bekommen die Eltern erneut Nachwuchs. Diese Welpen sind die jüngeren Geschwister des vorjährigen Wurfes. Die Eltern leiten nun beide Würfe an und bleiben in ihrer Anführerrolle. Die Jährlinge dominieren natürlicherweise über die neuen Welpen, so wie ältere Geschwister in einer menschlichen Familie ihre jüngeren Schwestern und Brüder anleiten. Nach wie vor gibt es keine Auseinandersetzungen um die Führerschaft. Diese bleibt selbstverständlich bei den Eltern. In einigen Populationen wandern die älteren Jungwölfe schon mit ein oder zwei Jahren ab, in anderen bleiben sie bis zu drei Jahren beim Rudel. Nach und nach jedoch wandern fast alle ab, verbreiten sich, suchen sich einen Partner und gründen neue Rudel.

Angesichts der Biologie der Wolfsrudel gibt es heute keinen Grund mehr, die Elterntiere als Alphawölfe zu bezeichnen – ebenso wenig, wie man dies bei menschlichen Eltern tun würde. Wissenschaftler sprechen deshalb jetzt von dem reproduzierende Paar oder einfach von Eltern.

Wie kam es überhaupt dazu, dass die Wissenschaft so lange auf Irrwegen wandelte und Elterntiere als Alphawölfe betitelte? Die Antwort zeigt auf interessante Weise, wie sich Wissenschaft entwickelt. Vor einigen Jahrzehnten, bevor es Studien über Wölfe im Freiland gab, dachten Verhaltensforscher, dass ein Wolfsrudel eine zufällig gemischte Gruppe von Wölfen sei. Sie kämen im Winter zusammen, so die Annahme, um leichter große Tiere zu jagen. Die einzige Methode zur Wolfsbeobachtung, die diese Leute kannten, war: einzelne Tiere aus verschiedenen Zoos zu sammeln und sie in ihrem Forschungsgehege zusammen zu bringen.

Wenn man eine Gruppe einer Tierart zufällig und dadurch künstlich zusammensetzt, werden diese Tiere natürlich mit einander konkurrieren und gelegentlich auch eine Dominanz-Hierarchie entwickeln – vergleichbar mit der Hackordnung, die ursprünglich bei Hühnern beschrieben worden ist. In solchen Fällen ist es angemessen, die Tiere an der Spitze als „Alphas“ zu bezeichnen und damit anzudeuten, dass sie sich diese Position erkämpft haben. So war es auch mit Wölfen, wenn sie künstlich zusammen gehalten wurden. Als der renommierte Verhaltenswissenschaftler Rudolf Schenkel Mitte des letzten Jahrhunderts seine berühmte Monographie über das Sozialverhalten von Wölfen veröffentlichte, beschreibt er sie als eine Gruppe mit einem dominanten Weibchen und einem dominanten Männchen, die er „Alphas“ nennt.

Diese klassische Monographie war die bedeutendste Literaturquelle über das Sozialverhalten des Wolfs, als David Mech sein Buch: „Der Wolf: Ökologie und Verhalten einer bedrohten Art“ in den späten 60er Jahren verfasste. In diesem Buch fasste Mech alle verfügbaren Informationen über Wölfe zusammen und nahm oft Bezug auf Schenkels Studie. Seit 1944 war kein vergleichbares Buch über Wölfe mehr auf den Markt gekommen, weshalb sich Mechs Titel sehr gut verkaufte. Er erschien erstmals 1970, dann 1981 als Paperback und wird bis heute gedruckt. Über 120000 Exemplare sind im Umlauf. Die meisten später veröffentlichten Bücher bezogen sich in großem Umfang auf „Der Wolf“, so dass die Fehlinformation über die Alpha Wölfe überall verbreitet wurde.

Nachdem David Mech mehrere Sommer mit freilebenden Wölfen auf Ellesmere Island nahe des Nordpols verbrachte, beschloss der Verhaltensbiologe, die Fehlinformation zu korrigieren. Denn er hatte das Verhalten zwischen Elterntieren und Jungen aus nächster Nähe beobachten können. Doch inzwischen hatte die breite Öffentlichkeit ebenso wie die meisten Biologen den Begriff Alpha und das dahinter stehende Gedankenmodell völlig angenommen. Offenbar sprach niemand mehr über Wolfsrudel, ohne den Begriff Alpha zu verwenden. Immer wieder wurde Mech gefragt, was denn einen Alpha Wolf ausmache und durch welche Art von Wettkampf er auf diese Position käme. In mehreren wissenschaftlichen Veröffentlichungen wies Mech deshalb auf die Fehlinformationen hin und korrigierte sie.(...)

Selbst wenn es um bahnbrechende medizinische Erkenntnisse geht, dauert es 20 Jahre, so sagt man, bis eine neue wissenschaftliche Erkenntnis allgemein anerkannt wird. Diese Erkenntnis scheint sich auch bei dem Modell „Alpha Wolf“ zu bestätigen. Einige Wolfswissenschaftler nahmen die Korrektur an, andere verbesserten sich mitten im Gespräch mit Mech und wieder andere ignorieren die ganze Entwicklung völlig. Ermutigend ist jedoch, dass einige Neuveröffentlichungen so wie die eingangs zitierte inzwischen die richtige Terminologie verwenden.

Es geht hierbei nicht nur um eine Frage der Begrifflichkeit oder der politischen Korrektheit. Sondern es geht darum, biologisch-wissenschaftlich genau zu sein. Der Ausdruck, den wir für sich fortpflanzende Wölfe verwenden, muss die biologische und soziale Rolle der Tiere genau treffen und darf keine falsche Vorstellung verbreiten.

(...)

Hoffentlich werden weniger als 20 Jahre vergehen, bis die Medien und Öffentlichkeit die richtige Terminologie vollständig angenommen haben. Nur so kann das veraltete Bild von den aggressiven Wölfen, die ständig miteinander um die Führungsrolle kämpfen, aus unseren Köpfen verschwinden.

David Mech ist ein anerkannter Wissenschaftler der U.S. Geological Survey sowie Gründer und Vizepräsident des International Wolf Center. Er betreibt seit über 50 Jahren Wolfsforschung und hat eine ganze Reihe Bücher und Artikel über Wölfe veröffentlicht.

Literatur:

-       L. David Mech und Luigi Boitani  (Hrsg.), 2003: Wolves – Behavior, Ecology and Conservation; University of Chicago Press

-       Mech L.D., 2000: Leadership in Wolf Canis Lupus Packs; Canadian Field Naturalist 114: 259-63